Verbund-Chef einer Fusion "nicht abgeneigt"

5. Juni 2009, 17:32
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Ein Neuanlauf zum Zusammenschluss mit den steirischen und oberösterreichischen Stromversorgern ist für Wolfgang Anzengruber eine Option

Ein Neuanlauf zur Fusion mit den steirischen und oberösterreichischen Stromversorgern ist für Verbund-Chef Wolfgang Anzengruber eine Option. Allerdings unter anderen Vorzeichen, wie er Günther Strobl verrät.

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STANDARD: Wissen Sie, wie hoch Ihre Stromrechnung ist?

Wolfgang Anzengruber: Nein. Ich habe einen Abbuchungsauftrag.

STANDARD: Interessiert Sie das nicht?

Anzengruber:  O ja. Jedes Jahr schaue ich mir an, wie sich der Verbrauch entwickelt hat. Ist es mehr, ist es weniger? Aber zugegeben, ich bin nicht der Hardcore-Energierechnungsprüfer.

STANDARD: Wenn man zehn Personen fragt, haben fünf null Ahnung, drei wissen ungefähr, zwei vielleicht etwas genauer Bescheid. Gibt Ihnen das nicht zu denken?

Anzengruber: Ich finde das nicht bedenklich. Der Kunde hat das Recht, selbst zu entscheiden, welches Thema ihm wesentlich erscheint und welches nicht.

STANDARD: Die Menschen wissen bei Gütern des täglichen Bedarfs wie Milch, Brot, Bier ja auch, wie teuer die sind?

Anzengruber: Ich bin mir gar nicht so sicher, ob jeder weiß, was eine Semmel kostet. Aber davon abgesehen: Bei Themen, die mit Grundversorgung zu tun haben, ist das anders. Wer weiß schon, wie viel Wasser und Abwasser kosten oder wie hoch die Müllgebühren sind? Die Informationen sind vorhanden, sind aber nicht in der täglichen Wahrnehmung.

STANDARD: Steckt Taktik dahinter, dass man versucht, den Strompreis im Nebulosen zu belassen, um möglichst viel abschöpfen zu können?

Anzengruber:  Wir sicher nicht, andernfalls könnten wir die Kunden nicht überzeugen. Wir sind für maximale Transparenz, weil wir davon profitieren.

STANDARD: Was ist ein fairer Strompreis?

Anzengruber: Das ist ein Preis, der die gesamte Kostenrechnung rund um das Produkt Strom abbildet. Der Preis muss zweitens leistbar sein. Drittens haben Preise Lenkungscharakter. Wird ein Gut teurer, werden Überlegungen zum vernünftigen Umgang damit stärker. Es ist die Mischung, die es ausmacht. Der niedrigste Preis ist nicht immer der fairste.

STANDARD: Kunden tun sich mitunter schwer zu verstehen, warum Strom, der bei uns in abgeschriebenen Kraftwerken billig produziert wird, kaum günstiger angeboten wird als anderswo in Europa?

Anzengruber: Österreich ist kein isolierter Markt, weder bei Milch noch bei Treibstoff oder Stahl. Die Preisbildung erfolgt auf einem größeren Markt - Europa. Natürlich gibt es Kraftwerke, die schon abgeschrieben sind und zu niedrigen Grenzkosten produzieren. Aber mit dem Cashflow, den wir damit generieren, bauen wir ja wieder neue Kraftwerke, und die sind in der Regel sehr teuer.

STANDARD: Sofern man Sie lässt?

Anzengruber: Wenn das nicht möglich ist, wird der Cashflow als Dividende ausgeschüttet. Und die geht im Wesentlichen auch wieder in den öffentlichen Haushalt (der Verbund gehört zu 51 Prozent der Republik Österreich; Anm.).

STANDARD: Wird die Krise Zusammenschlüsse fördern?

Anzengruber:  Ich glaube, dass die Diskussion wieder in Gang kommt, und bin gar nicht abgeneigt. Man soll die Diskussion aber klug führen. In der Erzeugung kann man durch Zusammenlegungen Synergien heben. Wenn der Verbund an einem Fluss fünf Kraftwerke hat und ein anderer Betreiber drei, kann man diese gemeinsam effizienter einsetzen. Auch im Bereich des Handels kann man Größenvorteile nutzen, ebenso in der Übertragung und in der Verteilung. Im Vertrieb sehe ich das nicht. Das wäre kontraproduktiv für die Kunden und für den Wettbewerb.

STANDARD: Ihr Kollege Leo Windtner von der Energie AG Oberösterreich (EAG) hat gemeint, wenn es zu einer Neuauflage der Energie Austria käme, dem schon einmal gescheiterten Zusammenschluss von Verbund, Estag und EAG, dann könne er sich darin wiederfinden.

Anzengruber: Wir auch. Aber man müsste zurück an den Start. Die Ausgangslage hat sich seit dem Abbruch der Gespräche verändert. Die Oberösterreicher haben das Abfallgeschäft forciert, der Verbund hat sich inzwischen stark im Ausland entwickelt. Was ich nicht gut fände, ist eine Fusion von Firmen. Da käme zusammen, was nicht zusammenpasst.

STANDARD: Wenn die Bereiche, die nicht zusammenpassen, herausgelöst würden?

Anzengruber: Dann könnte es gehen.

STANDARD: Wenn Zusammenschluss, dann kapitalmäßig?

Anzengruber:  Ja. Vertragliche Regelungen sind sehr komplex und bringen aus meiner Sicht nicht sehr viel. Wenn, dann bin ich für ordentliche Verhältnisse und nicht für schlampige.  (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6./7.6.2009)

Zur Person

Wolfgang Anzengruber (52) ist seit 1. Jänner 2009 Chef der Verbundgesellschaft. Der im oberösterreichischen Garsten aufgewachsene Anzengruber war zuletzt Vorstandsvorsitzender des Salzburger Kranherstellers Palfinger. Anzengruber ist verheiratet und Vater von drei Töchtern.

  • Wolfgang Anzengruber: "Preise haben Lenkungscharakter. Wird ein Gut teurer, werden Überlegungen zum vernünftigen Umgang damit stärker."
    foto: standard/corn

    Wolfgang Anzengruber: "Preise haben Lenkungscharakter. Wird ein Gut teurer, werden Überlegungen zum vernünftigen Umgang damit stärker."

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