Mitnehmen statt einnehmen

7. Juni 2009, 20:11
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Mücken, die Malaria übertragen, fahren auf blaue Kleidung ab, sandfarbenes Gewand juckt sie nicht so - Die Prophylaxe ist im Koffer oft sinnvoller als im Magen

Rund zehn Millionen Europäer bereisen jährlich ein Land der Tropen oder Subtropen - als Manager auf Geschäftsreise oder als Touristen auf Urlaubstrip. Ungefähr jeder dritte Fernreisende ist zumindest für einige Tage marod - die häufigste Reiseerkrankung ist Durchfall. Dagegen gibt es zwar keine Impfung, doch für die Behandlung von eventuell schweren Diarrhö-Fällen sollte man sich schon vor der Reise in der Apotheke mit Antibiotika eindecken. Gegen die meisten anderen unerwünschten Reisesouvenirs gibt es medikamentöse Prophylaxen.

Malaria ist von den klassischen Tropenkrankheiten die gefährlichste. Weltweit treten jährlich bis zu 500 Millionen Malariafälle auf, mehr als 90 Prozent davon im tropischen und subtropischen Afrika. Der Rest in Teilen Südostasiens und im Amazonasgebiet. Etwa eine Million Menschen, vorwiegend Kinder, stirbt daran. Nach Österreich werden zumindest laut Statistiken jedes Jahr etwa 120 Malariaerkrankungen importiert, zwei Menschen sterben hierzulande daran. Impfung gibt es keine, als Vorsorge kann man vor Reisebeginn entsprechende Tabletten schlucken - muss es aber nicht.

Unterschiedliches Risiko

"Wenn ich nach Westafrika fahre und etwa eine Woche dort bleibe, kann ich mit fast hundertprozentiger Sicherheit davon ausgehen, dass ich infiziert werde. Daher ist eine medikamentöse Prophylaxe noch vor Reiseantritt mehr als anzuraten", erklärt Christoph Wenisch, Vorstand der IV. Medizinischen Abteilung mit Infektiologie und Tropenmedizin am Kaiser-Franz-Josef-Spital in Wien. "Ansonsten ist die Notwendigkeit einer Prophylaxe abhängig von der jeweiligen Destination."

Um das persönliche Risiko richtig abzuschätzen, sei es ratsam, sich mit einem Tropenmediziner über den Urlaub zu unterhalten. In vielen Malariagebieten sei die Gefahr einer Infektion relativ gering, wenn sich die Urlauber auf touristischen Routen oder in entsprechenden Zentren befänden. Hier reicht dann meist eine sogenannte Standby-Prophylaxe.

Diese Form der Vorsorge ist nichts anderes als die bloße Mitnahme entsprechender Medikamente, die dann im Fall einer Infektion von den Betroffenen therapeutisch eingenommen werden müssen - denn sowohl für Prophylaxe als auch für Therapie stehen derzeit dieselben Arzneien zur Verfügung, die je nach Verwendungsart in unterschiedlicher Dosierung eingenommen werden müssen.

"Dieses Standby-System wird nur in Österreich, Deutschland und der Schweiz praktiziert", erklärt Tropenmediziner Wenisch. Dies habe vor allem rechtliche Gründe: "Wenn ein Arzt in Großbritannien oder den USA seinem Patienten eine solche Maßnahme empfiehlt, und der Patient bekommt dann trotzdem Malaria, kann er den Arzt klagen." Hierzulande ist das nicht so, hierzulande wird dem Patienten sogar seitens des Gesetzgebers ein gewisses Maß an Mündigkeit und Eigenverantwortung zugesprochen.

Freilich, erklärt Wenisch, birgt das praktizierte System auch Tücken. In einigen Fällen würden die Reisenden auch eine schwere Bronchitis oder eine Lungenentzündung mit Malariamedikamenten behandeln, weil die Symptome sehr ähnlich seien. Dies habe dann zur Folge, dass sie zwar keine Malaria bekämen, die eigentliche Erkrankung aber auch nicht behandelt wird. Daher sei in all solchen Fällen ein sofortiger Arztbesuch im Urlaubsland anzuraten.

Enorme Nebenwirkungen

Die in Österreich praktizierte Standby-Prophylaxe habe ihre Gründe nicht zuletzt in den massiven Nebenwirkungen der gängigen Malariamedikamente, erklärt der Tropenmediziner. Die am weitesten verbreitete Arznei sei noch immer Lariam: recht günstig, einfach zu nehmen, weil in der Prophylaxe nur ein Mal in der Woche zu schlucken. Allein: Übelkeit, Erbrechen, Schwindel, Gleichgewichtsstörungen und sogar psychische Nebenwirkungen wie schwere Depressionen können auftreten - und einem damit den Urlaub versauen.

Malarone ist wesentlich teurer und komplizierter einzunehmen, dafür jedoch habe das Medikament etwas weniger Nebenwirkungen. Neu auf dem Markt sei Riamed, ebenfalls teuer, ebenfalls weniger Nebenwirkungen. Laut Wenisch würden mindestens 15 Prozent der Menschen, die eine medikamentöse Prophylaxe nehmen, unter massiven Nebenwirkungen leiden.

Aber auch hier gelte es, neben dem von Destination und Reiseverhalten abhängigen Risiko auch die entsprechende Medikation mit einem Tropenmediziner abzuklären. Denn nicht zuletzt gibt es auch Resistenzen gegen die eine oder andere Arznei: In Südostasien würde man mit Lariam nicht sehr weit kommen. Als Mückenschutz empfiehlt Wenisch entsprechende Repellentien (Sprays oder Cremes) und die richtige Kleiderfarbe: "Auf blaues Gewand fahren die Mücken ab wie wild, sandfarbene Kleidung hingegen mögen sie nicht so." (Andreas Feiertag, DER STANDARD, Printausgabe, 8.6.2009)

Wissen: Ein Parasit des Blutes

Die vier verschiedenen Typen der grassierenden Malaria-Erreger - nämlich Plasmodium falciparum, vivax, ovale und malariae - werden ausnahmslos durch weibliche Stechmücken der Gattung Anopheles übertragen, und zwar vorwiegend in den Nacht- und Dämmerungsstunden. Eine direkte Übertragung des Erregers von Mensch zu Mensch etwa über Speicheltröpfchen ist nicht bekannt.

Nach dem Stich der mit den Plasmodien (das sind weder Viren noch Bakterien, sondern Blutparasiten) vollgesaugten Mücken gelangen die Erreger über das Mundwerkzeug der Tierchen in den Blutkreislauf des Opfer und verbreiten sich dort über die Gefäßbahnen in die Leber. Dort befallen sie die roten Blutkörperchen (Erythrozyten), vermehren sich und zerstören die Zellen: Es kommt zur Erkrankung. Die gemeinsamen Symptome aller Malariaerkrankungen: Fieber meist weit über 38 Grad Celsius und Schüttelfrost.

Der älteste Wirkstoff gegen die mitunter tödlich verlaufende Malaria ist bereits seit dem 17. Jahrhundert im Einsatz: das aus der Chinarinde gewonnene Chinin. In Europa wurde es lange Zeit auch "Jesuitenpulver" genannt. Der Grund: Die Padres hatten es aus Peru nach Europa mitgebracht, wo es damals noch große Sumpfgebiete und folglich auch Malaria gab. Der Legende nach wurde der Name des Pulvers dem englischen Politiker Oliver Cromwell zum Verhängnis: Er verstarb 1658 an der Malaria. Als eingefleischter Katholikenfeind soll er sich standhaft geweigert haben, ein Medikament zu schlucken, das just nach den Jesuiten benannt war.

Malaria grassiert am meisten in Afrika, aber auch in Südostasien, Indien und Südamerika. Die Malariamücken brauchen ein feuchtes, heißes Klima. (fei)

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    Nur weibliche Anopheles-Mücken übertragen Malaria: Sie lieben feucht-heißes Klima, fahren auf Farben ebenso ab wie auf Blut.

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