Spät erkanntes Musik-Genie: Arthur Russell

5. Juni 2009, 17:00
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Matt Wolfs Dokumentation "Wild Combination" würdigt einen der größten unbekannten Pop-Komponisten der jüngeren Vergangenheit

Wie grenzübergreifend Arthur Russells Musikschaffen war, zeigt alleine schon die Liste derjenigen, die US-Regisseur Matt Wolf für seine 2008 fertiggestellte Dokumentation "Wild Combination: A Portrait of Arthur Russell" interviewte: Der schwedische Folkpop-Barde Jens Lekman kommt darin ebenso zu Wort wie Disco-Nymphe Lola Love ("He was the funkiest white boy I have ever met."), Starkomponist Philip Glass oder - in Statements, die Wolf in Archiven ausgrub - Allen Ginsberg, der seine Beat-Poeme von Russells Kompositionen transportieren ließ.

Ambient Music, Folk, Underground-Disco, zeitgenössische Klassik ... der 1952 geborene Arthur Russell ließ sich auf kein Genre festlegen, erwarb sich Zeit seines allzu kurzen Lebens einen guten Ruf in Fachkreisen - die große Popularität, die seiner Genialität angemessen gewesen wäre, folgte jedoch nicht. Dabei war Russell keineswegs abgeneigt, Breitentaugliches zu schaffen: "Bubblegum music" nannte er seine poppigeren Schöpfungen ... wenn auch buddhist bubblegum music, wie Ginsberg das Außergewöhnliche noch der einfachsten Stücke beschreibt. Für Lekman klingt es jetzt, eineinhalb Jahrzehnte nach Russells Tod, immer noch wie Musik aus der Zukunft. Und tatsächlich hat die Nachlassbearbeitung erst im neuen Jahrtausend so richtig eingesetzt: Labels wie Audika schöpfen aus dem Vollen der Archive und bringen Album nach Album heraus. Erschöpfen werden sich die Ressourcen noch lange nicht - noch immer schlummern tausende Bänder in Russells ehemaligem Zuhause, und sein Lebensgefährte Tom Lee wird nicht müde, für Interessenten Songs herauszufischen und sie mit sichtbarer Ergriffenheit vorzuspielen.

Rückkehr nach Iowa

Abzusehen war Russells Lebensweg nur bedingt: Seine Eltern daheim im 10.000-Einwohner-Kaff Oskaloosa im tiefsten Iowa erinnern sich zu Beginn der Dokumentation an ein von Anfang an nachdenkliches Kind und an einen Jugendlichen, der von schwerer Akne nicht nur körperlich gezeichnet war. Zum Cello, das sein ganzes Leben lang sein wichtigstes Instrument bleiben sollte, griff Arthur, weil das Spielen in einem Orchester schon früher möglich war als die Gründung einer Band: Ein erster Beweis für Russells konsequente Hingabe an die Musik - der unwahrscheinliche Weltenwechsel, der ihn von Iowa nach New York, in die legendäre "The Kitchen"-Szene und zur Zusammenarbeit mit den größten Avantgarde-Musikern seiner Zeit führte, erscheint dann fast schon folgerichtig.

"We never did understand his music too well", bekennen die Russells mit sympathischer Offenheit, auch wenn sie nach und nach Vieles gelernt haben: Vor allem als Arthur, bereits an Aids erkrankt, dem er 1992 schließlich erlag, wieder mehr Zeit in Iowa verbrachte - gemeinsam mit Tom, zu dem die Russells immer noch familiären Kontakt halten.

"Wild Combination" (benannt nach einem von Russells Songs) mischt Interviews mit Archivmaterial, Live-Auftritten und einigen wenigen nachgestellten Szenen - eine stimmungsvolle Würdigung, wie man sie Arthur Russell schon zu Lebzeiten gewünscht hätte. Was bleibt, ist wunderschöne Musik - für die meisten wohl eine Erstbegegnung - und das wehmütige Gefühl einer verpassten Chance.
(Josefson)

"Wild Combination": 9. 6., 18h, Cinemagic

  • "Als sei er gerade von einem Traktor abgestiegen", so kam Arthur Russell von Iowa in die New Yorker Avantgarde-Szene.
    foto: identities

    "Als sei er gerade von einem Traktor abgestiegen", so kam Arthur Russell von Iowa in die New Yorker Avantgarde-Szene.

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