"Entscheidend war die Perestrojka"

5. Juni 2009, 18:49
18 Postings

Zbigniew Bujak, 1989 einer der Verhandler an Polens "Rundem Tisch": Gorbatschows Reformen und Österreichs Bischöfe hatten Anteil an der Wende im ehemaligen Ostblock

Gorbatschows Reformen bezeichnet Zbigniew Bujak, 1989 einer der Verhandler an Polens „Rundem Tisch“, als Vorbedingung für die Wende im ehemaligen Ostblock. Aber auch Österreichs Bischöfe hatten daran Anteil, sagte er Erhard Stackl.

STANDARD: Sie waren vor 20 Jahren einer der oppositionellen Verhandler am „runden Tisch“, die zum Sieg der Solidarność über die kommunistische Regierung Polens führten. Wie haben Sie das erlebt?

Bujak: Wir glaubten damals, dass große Veränderungen in Russland stattfinden müssen, damit wir in Polen Erfolg haben können. Deshalb habe ich 1989 diese Gespräche am Runden Tisch schon erwartet. Überraschend war, dass wir am Runden Tisch nur eine Legalisierung der freien Gewerkschaft Solidarność, des Studentenverbandes etc. wollten, dass aber mehr möglich war. Wir bekamen halb freie Wahlen zur ersten Kammer des Parlaments und ganz freie zur zweiten Kammer, dem Senat. Das bedeutete, dass die Chance auf Reformen des Staates und der Wirtschaft, auf die wir in drei bis fünf Jahren hofften, sich schon in drei Monaten verwirklichen ließen.

STANDARD: Solidarnosc siegte bei den halb freien Wahlen am 4. Juni 1989 triumphal. Wenige Jahre davor galten sie noch als „Staatsfeind“, der im Untergrund lebte.

Bujak: Dramatisch war es 1986, als ich verhaftet wurde und Antiterroreinheiten die Tür aufgesprengt haben. Doch hundert Tage später kam es zur Amnestie und ich wurde freigelassen. Das Entscheidende war damals die Entwicklung zu Glasnost und Perestrojka (die Reformen Gorbatschows zu mehr Offenheit – Anm.). Und es besteht kein Zweifel, dass die Ereignisse in Russland auch eine Folge dessen waren, was dort die Opposition getan hat. Die großen Namen Andrej Sacharow, Wladimir Bukowski und Alexander Solschenizyn rufe ich in Erinnerung, um den Russen zu danken. Alles, was später stattgefunden hat, der Runde Tisch in Polen, der Mauerfall in Berlin, die samtene Revolution in Prag, das, was in Ungarn und Bulgarien geschah, ist eine Folge der Veränderung in Russland gewesen.

STANDARD: Was war die Inspiration für Ihren zunächst doch aussichtslos scheinendes Engagement?

Bujak: Das wichtigste war für mich die Einhaltung der Menschenrechte. Das hat mich inspiriert. Ein weiterer Faktor ist mit Österreich verbunden. In Polen gilt die Wahl eines Polen zum Papst als größte Inspiration für die gesamte Systemveränderungen. Die Polen allein hätten Karol Wojtyla nicht zum Papst wählen können. Es waren aber, wie ich weiß, die österreichischen Bischöfe, die Wojtylas Wahl sehr unterstützt haben.

STANDARD: Es gibt heute in Polen Politiker, die meinen, Solidarność habe sich 1989 einwickeln lassen und einen Kompromiss mit den Kommunisten geschlossen, statt die Macht zu übernehmen. Was sagen Sie diesen Leuten?

Bujak: Mit solchen Leuten rede ich ungern. Ich rede gern mit Studenten oder Schülern, die sich für diese Zeit interessieren. Ich bin ein Verfechter der friedlichen Lösung, die damals angenommen wurde. Auch deswegen, weil wir in Europa wissen, was für Folgen es haben kann, wenn man einen anderen Weg wählt. Es gibt Leute, die sagen, man hätte abwarten sollen, dann hätte man vielleicht keine Kompromisse schließen müssen. In einem Land gibt es das bis heute noch: Kuba. Doch für die Bürger, für die Wirtschaft, für den Staat darf man nicht warten. Die so genannte „kämpfende Solidarność“ dieser Jahre war der Ansicht, man solle abwarten, bis eine nationale Erhebung den Kommunismus stürzt. In Europa folgten Länder des ehemaligen Jugoslawien wie Kroatien und Serbien diesem Beispiel. Da gab es dieses nationale Gefühl, das ein System mit Gewalt zerschlagen hat. Das Ergebnis waren tausende Tote. Gegen eine derartige Alternative bin ich aktiv eingetreten und tue es weiterhin. Es gibt noch einen dritten Weg, der damals überlegt wurde. Warten, bis sich das Volk in Bewegung setzt und die Machthaber stürzt. Dafür war Rumänien ein Beispiel. Da kam es zum Lynchen – wollen wir eine solche Kultur? Nein, natürlich nicht.

STANDARD: Was war die Motivation für den von der Solidarnosc gewählten Weg des Kompromisses?

Bujak: Die Tafel mit den berühmten 21 Postulaten (die Forderungen der Streikenden 1980 in Danzig – Anm.), eigentlich nur zusammengeklebte Zettel, hat die Unesco auf die Liste des Weltkulturerbes eingetragen. Denn wir haben einen schweren Konflikt gelöst. Die Gespräche am Runden Tisch 1989 waren für uns der Weg, der die Natur der Solidarnosc aufzeigt. Wenn wir davon abweichen, werden wir in Europa kein Bezugspunkt mehr sein, auf den hinzuweisen es wert ist.

STANDARD: Sie waren von Ende 1981 bis zu ihrer Verhaftung 1986 der Solidarnosc-Anführer im Untergrund. Es müssen ihnen damals ja hunderte Menschen geholfen haben. Gibt es zu denen noch Kontakt?

Bujak: Ich treffe die Leute noch. Damals war es am Wichtigsten eine Wohnung zu haben. Es waren immer fremde Menschen, die damals geholfen haben, nicht Familienangehörige oder Schulfreunde. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte der sowjetische Geheimdienst Methoden entwickelt, wie konspirativ tätige Leute aufgespürt werden konnten – zuallererst bei der Familie und bei Freunden, deshalb gingen wir zu Fremden. Obwohl es eine Warnung gab, man könnte uns verraten, geschah das nicht. Niemand hat irgendwen verraten. Ich habe einmal zusammengezählt, wie viele Menschen es waren, die mir so sehr geholfen haben, dass ich sie gern mindestens einmal im Jahr anrufen würde. Es waren mehr als 700. Ich sehe sie nur bei Jahrestagen. Leider ist es uns nicht gelungen, die Probleme jener Leute zu lösen, die unter der Situation am meisten gelitten haben. Das waren Menschen, deren Familienmitglieder ermordet wurden und die mit ihren Kindern große finanzielle Probleme hatten.

STANDARD: Was ist aus dem „Geist der Solidarität“ geworden?

Bujak: Heute haben wir in Polen Grund zur Freude, denn wir müssen sagen, dass trotz der Krise, die ganz Europa erfasst hat, die polnische Wirtschaft noch ein geringes Wachstum aufweist. Wenn ich an die frühere Zeit denke, erfasst mich aber doch eine gewisse Trauer. Denn die Gespräche am Runden Tisch waren der letzte Augenblick, wo wir genau gewusst haben, was unser Ziel ist. Das wichtigste war der Bürger. Wir wollten dem einfachen Bürger, der einfach arbeiten oder studieren, eine Firma gründen oder eine Organisation schaffen will, die Barrieren aus dem Weg räumen. Später sind wir darufgekommen, dass auch die neue Staatsmacht mit starker Autorität aufgetreten ist. Im Sejm wurde also dann die Regierung von Tadeusz Mazowiecki unterstützt, auch von unseren Gegnern. Es entstand eine Art große Koalition mit unseren Gegnern. Es gelang, sehr wichtige Reformen durchzuführen. Man hätte glauben können, dass diese Zusammenarbeit weiter geführt wird. Aber heute stellt man fest, dass heute sogar Personen, die damals auf der Seite der Solidarnosc zusammen gearbeitet haben, dass die heute Rivalen sind – z.B. Jaroslaw Kazcynski und Donald Tusk. Da muss man sagen, dass die Kultur der Solidarität abhanden gekommen ist. Es geht um die Macht.

STANDARD: Die damaligen raschen Reformen Richtung Marktwirtschaft sind als „Schocktherapie“ bekannt geworden. Hätte man sie auch sanfter, sozialer durchführen können?

Bujak: Ich akzeptiere den Weg, den wir gewählt haben und ich akzeptiere auch die Ergebnisse. Man kann nicht sagen, dass wir riesige Fehler begangen haben. Aber eines tut mir leid: Die Solidarnosc wollte, dass nicht nur in der Staatsverwaltung, sondern auch in den einzelnen Unternehmen die Menschen als Subjekte und mit Würde behandelt werden. Wir wussten, was es bedeutet, von einem Polizeistaat kontrolliert zu werden. Wir wollten ein System, in dem der Chef den Wert seiner Leute anerkennt. Mir war bekannt, dass es in Skandinavien, in Deutschland, auch in Österreich solche Managementformen gibt, in gewisser Weise auch in den USA. Leider muss man sagen, dass in Polen im Staat und in den Unternehmen ein beinahe feudales System existiert. Es gibt viele junge Leute, die in andere Länder gefahren sind, nach Deutschland, nach Österreich, sehr viele nach Großbritannien. Sie sprechen begeistert davon, was sie dort erleben. Sie fühlen sich dort wohler, die meisten wollen nicht nach Polen zurückkehren. Und das ist schmerzlich. Das zeigt, das etwas von der Kultur der Solidarität auf der Strecke geblieben ist.

STANDARD: Wie beurteilen sie die vielen Spionagevorwürfe und die Akten aus dem “Institut für das nationale Gedächtnis” IPN über die angebliche Zusammenarbeit von Solidarnosc-Leuten mit der Staatssicherheit?

Bujak: Eines der unangenehmsten Elemente der dritten Republik Polen ist eigentlich dieses „Institut für das nationale Gedächtnis“ IPN. Wie wir wissen, ist eine Zeit der Diktatur für Menschen sehr schwer zu durchleben. Nur jene Menschen, die überhaupt keinen Ehrgeiz haben, öffentlich in Erscheinung zu treten, werden in Ruhe gelassen. Die anderen, die etwas mutiger waren, wurden von der Geheimpolizei beobachtet und oft auch bestraft. Und so konnte es vorkommen, dass der eine oder andere in einem schwachen Moment irgendetwas unterschrieben hat. Ich bringe solchen Menschen sogar Verständnis entgegen und würde mit ihnen reden. Das IPN ist organisiert wie eine Polizeibehörde oder die Staatsanwaltschaft. Der Verdächtigte muss schweigen. Das IPN fördert nicht die Abrechnung mit Tätern oder dass man aus dem Geschehenen Schlussfolgerungen zieht. Das IPN ist dazu da, um zu strafen. Es gibt keine Aufarbeitung der Vergangenheit, IPN fördert das Schweigen. Ich gehöre zu den Menschen, die in der Lage sind, zu vergessen, damit auch andere im öffentlichen Leben bestehen können. ZUR PERSON:

Zur Person

Zbigniew Bujak, 54, war Elektriker im Traktorwerk Ursus bei Warschau, Solidarsnosc-Vorsitzender der Warschauer Region und nach der Ausrufung des Kriegszustandes im Dezember 1981 bis zu seiner Verhaftung 1986 Untergrund-Anführer der verbotenen Gewerkschaft. Nach der Wende war Bujak Parlamentsabgeordneter und später Leiter der Hauptzollbehörde (bis 2001). Danach studierte er Politikwissenschaft. Derzeit arbeitet er an seiner Dissertation, in der es darum gehe, in welcher Weise autoritäres Denken die Systemreformen blockiert, sagte Bujak in Wien dem STANDARD. Er war zur Eröffnung der Ausstellung „Das Jahrzehnt der Solidarnosc“ (Uni Wien, bis 13. 6.) in Österreich. Von 20. 6. bis 11. 9. ist die Schau im Schloss Weitra im Waldviertel zu sehen.

  • "Freiheit für die politischen Gefangenen" fordern die Teilnehmer an einer Demo, die im April 1981 in Wroclaw  (ehem. Breslau) stattfand.Foto: Karta
    foto: nn, zbiory ośrodka

    "Freiheit für die politischen Gefangenen" fordern die Teilnehmer an einer Demo, die im April 1981 in Wroclaw  (ehem. Breslau) stattfand.
    Foto: Karta

  • August 1988: Ein Streikender in  Jastrzebie mit seiner vor dem Werk wartenden Familie.
Foto: Druszcz
    foto: wojciech-druszcz

    August 1988: Ein Streikender in  Jastrzebie mit seiner vor dem Werk wartenden Familie.
    Foto: Druszcz

  • 1. Mai 1989 - Marsch der Solidarnosc durch Warschau
Foto: Druszcz
    foto: wojciech-druszcz

    1. Mai 1989 - Marsch der Solidarnosc durch Warschau
    Foto: Druszcz

  • Die erste Polenreise von Papst Johannes Paul II. im Juni 1979, Messe in Warschau

Foto: Niedenthal
    foto: chris niedenthal/forum

    Die erste Polenreise von Papst Johannes Paul II. im Juni 1979, Messe in Warschau
    Foto: Niedenthal

  • 13. Dezember 1981: General Wojciech Jaruzelski ruft den "Kriegszustand" aus

Foto: Pniewski/Reporter
    foto: pniewskireporter

    13. Dezember 1981: General Wojciech Jaruzelski ruft den "Kriegszustand" aus
    Foto: Pniewski/Reporter

  • Polizeieinsatz gegen Demonstranten am Platz der 3 Kreuze in Warschau im Juli 1989.

Foto: Druszcz
    foto: ofiara-milicji-czlonek-prot

    Polizeieinsatz gegen Demonstranten am Platz der 3 Kreuze in Warschau im Juli 1989.
    Foto: Druszcz

  • Warschau, September 1980: Solidarnosc-Chef Lech Walesa wird von Mitstreitern und Anhängern gefeiert.


Foto: Pniewski/Reporter
    foto: jan morek

    Warschau, September 1980: Solidarnosc-Chef Lech Walesa wird von Mitstreitern und Anhängern gefeiert.
    Foto: Pniewski/Reporter

  • Unterzeichnung des Danziger Abkommens duch Lech Walesa und Vizepremier
Mieczyslaw Jagielski nach dem Streik in der Danziger Leninwerft im
August 1980.



Foto: Ciolek
    foto: erazm ciozek

    Unterzeichnung des Danziger Abkommens duch Lech Walesa und Vizepremier Mieczyslaw Jagielski nach dem Streik in der Danziger Leninwerft im August 1980.
    Foto: Ciolek

  • April 1981: Informationstisch der Solidarnosc im Vorfeld der Parlamentswahlen vom 4. Juni.



Foto: Ciolek
    foto: erazm ciozek

    April 1981: Informationstisch der Solidarnosc im Vorfeld der Parlamentswahlen vom 4. Juni.
    Foto: Ciolek

  • 12. September 1989: Tadeusz Mazowiecki mit dem Siegeszeichen. Er wird
der erste nicht-kommunistische Premierminister im Ostblock.




Foto: Niedenthal
    foto: chris-niedenthal/forum

    12. September 1989: Tadeusz Mazowiecki mit dem Siegeszeichen. Er wird der erste nicht-kommunistische Premierminister im Ostblock.
    Foto: Niedenthal

Share if you care.