Industrie will billigere Kurzarbeit

5. Juni 2009, 14:17
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Im ersten Quartal sinkt Produktion um 20 Prozent ein, die Unternehmen "wollen die Krise mit den Beschäftigten durchtauchen"

Wien - Die heimische Industrie leidet in Folge der Wirtschaftskrise unter starkem Auftragsschwund: Die Industriekonjunktur sei weiter auf Talfahrt, beklagte der Geschäftsführer der Bundessparte Industrie in der Wirtschaftskammer, Manfred Engelmann, heute Freitag bei einer Pressekonferenz. Für das erste Quartal 2009 müsse mit einem Einbruch der gesamten Auftragseingänge um 30 Prozent und einem Produktionseinbruch um 20 Prozent gerechnet werden. Die Industrie brauche dringend kostengünstigere Kurzarbeit, damit die Unternehmen die Krise mit ihren Beschäftigten "durchtauchen" könnten, fordert Engelmann. Gelinge die Verbesserung der Rahmenbedingungen nicht, müssten deutlich mehr Mitarbeiter abgebaut werden.

Im Vergleich zu Deutschland komme Kurzarbeit in Österreich für die Arbeitgeber schon wegen der höheren Nebenkosten deutlich teurer, hier entwickle sich ein Standortwettbewerb. Wenn es nicht zu einer Verbilligung der Kurzarbeit für die Arbeitgeber komme, seien ab Sommer mehr Kündigungen zu erwarten, weil Unternehmen in kostengünstigere Varianten, etwa Kündigungen mit Wiedereinstellungszusagen (Aussetzungsverträge) ausweichen würden, warnt Engelmann. In Österreich sind derzeit etwa 57.000 Arbeitnehmer in Kurzarbeit, in Deutschland 1,1 Millionen - das Verhältnis sei also nicht wie der Bevölkerung entsprechend 1:10 sondern 1:20.

Auch die Behaltefrist ist der Industrie ein Dorn im Auge: Derzeit könnten Arbeitnehmer nach der Kurzarbeit nur abgebaut werden, wenn Betriebsrat und Arbeitsmarktservice (AMS) zustimmen, einseitige Kündigungen seien für die Arbeitgeber nicht möglich. Für die Betriebe, die kurzfristig je nach Auftragslage über die Beschäftigung entscheiden müssten, ergäben sich dadurch Probleme bei der Kalkulation. Auch das von der Gewerkschaft gepushte Überstundenverbot während Kurzarbeit stört die Industrie. Eine von Arbeitsminister Rudolf Hundstorfer (S) gewünschte Verlängerung der Kurzarbeit von derzeit 18 auf 24 Monate hingegen ist für die Industrie laut Engelmann "das geringste Problem", viel wichtiger seien die Rahmenbedingungen.

Der im Herbst begonnene Rückgang der Industrieaufträge hat sich zu Jahresbeginn 2009 noch stärker fortgesetzt: Im Jänner reduzierten sich die um Storni bereinigten Auftragseingänge um 28,1 Prozent, im Februar betrug der Rückgang 32,6 Prozent. Innerhalb der Industrie sind manche Sparten besonders schwer betroffen, etwa die Fahrzeugindustrie mit einem Einbruch bei den Auftragseingängen um 38,7 Prozent (Jänner/Februar) und die Maschinen/Metallindustrie mit minus 35,8 Prozent. Mehr als halbiert hat sich der Auftragseingang in der Holzindustrie (-56,9 Prozent) und im Bereich Bergbau/Stahlindustrie (-53,7 Prozent).

Die rückgängigen Industrieaufträge schlagen sich in geringerer Produktion nieder: Im Jänner sank die Industrieproduktion um 19,1 Prozent, im Februar um 20,1 Prozent. Für das gesamte ersten Quartal wird ein Produktionseinbruch von 20 Prozent erwartet. Die Industriebeschäftigung hat bereits abgenommen: Im Dezember war der Rückgang der Beschäftigten noch 0,5 Prozent, im Jänner bereits 2,3 Prozent und im Februar 3,5 Prozent. Die Exporte, wichtige Stütze der Industriekonjunktur, sind ebenfalls massiv eingebrochen: Im Zeitraum Jänner bis Februar 2009 sanken die Ausfuhren um ein Viertel.

Eine seriöse Prognose für die weitere Konjunkturentwicklung in der Industrie kann laut Engelmann derzeit nicht abgegeben werden. Teilweise gebe es Anzeichen für eine Bodenbildung, um leere Lager der Kunden aufzufüllen gehen Nachbeschaffungsaufträge ein. Andererseits beginne sich die Krise auch zu verbreitern und umfasse immer mehr Branchen. Relativ unberührt von der Rezession seien bisher die Konsumgüter- und Lebensmittelindustrie, Bau- und Bekleidungsindustrie: Diese Fachbereiche erwarten eine gleichbleibende Produktion. (APA)

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