"Neunerhaus" eröffnet Zahnarztpraxis für Obdachlose

5. Juni 2009, 13:51
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Angeboten werden sämtliche Behandlungsarten - im Notfall auch ohne Krankenversicherung

"Eine Zahnbehandlung gibt Obdachlosen ihr Lächeln zurück." - Dieser Leitsatz steht auf Plakaten in einer neuen Zahnpraxis in der Stumpergasse, die vom Sozialverein "Neunerhaus" betrieben wird. Dort wird speziell jenen Menschen eine Behandlung geboten, die kein Dach über dem Kopf haben und aus Scham keinen herkömmlichen Vertragsarzt aufsuchen wollen. Zudem übernehme die Einrichtung etwaige Zusatzkosten oder Selbstbehalte, versprach Neunerhaus-Geschäftsführer Markus Reiter bei der offiziellen Eröffnung am Freitag.

Obdachlose würden oftmals viele Traumata erleben und mit unterschiedlichsten Problemen kämpfen, weshalb die Gesundheit bald einmal an hinterer Stelle stehe, erklärte Reiter. Dazu komme das Schamgefühl: "Als nicht perfekter Mensch in eine perfekte Ordination zu gehen, ist eine große Hürde", betonte der Geschäftsführer. Durch die Praxis in der Stumpergasse 60 wolle man dieser Hemmschwelle entgegenwirken.

"Wir machen das gleiche wie jeder niedergelassene Facharzt für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde", sagte Walter Löffler, ärztlicher Leiter des Vereins. Angeboten werden von Grundsanierungen über Wurzelbehandlungen bis hin zu Prothesen sämtliche Behandlungsarten. Zwei Patientenstühle stehen dafür zur Verfügung. Darüber hinaus gibt es eine Duschmöglichkeit und saubere Kleidung. Hunde können ebenfalls mitgebracht werden. Geöffnet hat die Praxis vorerst an Wochentagen - ausgenommen donnerstags - zwischen 9.00 und 13.00 Uhr.

Hilfe auch ohne Versicherung

Insgesamt umfasst das Team 13 ehrenamtliche Ärzte, eine zahnärztliche Assistentin sowie eine Sozialarbeiterin. Diese ist die erste Ansprechperson für Patienten und klärt gegebenenfalls den Versicherungsstatus ab. Falls kein Versicherungsschutz gegeben ist, werde ebenso behandelt, wurde versprochen. Außerdem gibt es Hilfe beim Beantragen von Leistungen aus dem Unterstützungsfonds der Krankenkasse, der sozial Bedürftige etwa im Fall eines Zahnersatzes unterstützt.

Falls der Antrag nicht bewilligt werden sollte, übernimmt das Neunerhaus die Kosten. Um zu verhindern, dass auch sozial abgesicherte Leute an sich kostenpflichtige Leistungen gratis in Anspruch nehmen, setze man ebenfalls auf die Kompetenz der Sozialarbeiterin, hieß es heute.

Den Probebetrieb habe man bereits Mitte März aufgenommen, berichtete Livia Mutsch, Leiterin des Gesundheitsbereichs im Verein, von ersten Erfahrungswerten. Seither seien schon mehr als 100 Personen betreut worden, großteils aus dem Bereich der Wiener Wohnungslosenhilfe. Die Probleme reichten von offenem Zahnfleisch und Zahnstümpfen bis hin zu blankliegenden Knochen, ergänzte Löffler. Unbehandelt könne dies zu schweren Krankheiten wie Gelenksversteifungen oder Herzschäden führen.

Um auch Menschen auf der Straße besser zu erreichen, werde der Kontakt mit Notschlafstellen und Tageszentren künftig ausgebaut, kündigte Mutsch an. Der Fonds Soziales Wien unterstützt die Obdachlosen-Praxis in diesem Jahr mit 140.000 Euro. Die Möblierung und technischen Geräte wurden von der Privatwirtschaft gespendet. (APA)

Zahnarztpraxis für Obdachlose
6., Stumpergasse 60
Öffnungszeiten: Montag bis Freitag, ausgenommen Donnerstag, 9.00 bis 13.00 Uhr;
Tel.: 01/713 594 650

Link:
www.neunerhaus.at

 

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    In der neuen Zahnarztpraxis für Obdachlose werden von Grundsanierungen über Wurzelbehandlungen bis hin zu Prothesen sämtliche Behandlungsarten angeboten.

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