Geborgene "Wrackteile" sind nicht vom Airbus

5. Juni 2009, 13:32
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Gesichtete Teile stammen vermutlich von einem Schiff - Maschine hatte wahrscheinlich Geschwindigkeitsproblem - Keine Spur von den Opfern

Sao Paulo/Paris/Recife - Die am Donnerstag im Atlantik geborgenen mutmaßlichen Flugzeug-Wrackteile stammen nicht von dem abgestürzten Air-France-Airbus. Das teilte am Donnerstagabend (Ortszeit) ein Sprecher der brasilianischen Luftwaffe in Recife mit. Die geborgene Fracht-Palette sei aus Holz und würde üblicherweise nicht in einem Airbus eingesetzt, sagte Ramon Cardoso. Vermutlich gehöre sie zu einem Schiff. "Wir haben bisher kein Teil des abgestürzten Flugzeuges geborgen." Flugzeuge hatten in den vergangene Tagen in dem Seegebiet mehrere Wrackteile gesichtet, darunter auch einen Flugzeugsitz.

Am Donnerstag hatte ein Hubschrauber neben der Palette auch zwei Bojen geborgen. Auch die gehören offensichtlich nicht zu dem Airbus. Die Sucharbeiten in dem Seegebiet rund 1200 Kilometer nordöstlich der brasilianischen Festlandküste würden intensiv fortgesetzt, betonte Cardoso. Allerdings sei für Freitag schlechteres Wetter vorhergesagt. Dies könne die Flugzeugeinsätze behindern. Bisher gebe es keinerlei Signal von dem abgestürzten Wrack und noch keine Spur von den 228 Insassen. An diesem Freitag ist in Rio ein katholischer Trauergottesdienst geplant, an dem auch Staatspräsident Luiz Inacio Lula da Silva teilnimmt.

Vorwürfe

Frankreich hat Brasilien die voreilige Ankündigung zu den angeblich geborgenen Wrackteilen vorgehalten. "Die französische Regierung sagt seit Tagen, dass man extrem vorsichtig sein muss", sagte der Staatssekretär Dominique Bussereau dem Sender RTL am Freitag. "Unsere Flugzeuge und Schiffe haben bisher gar nichts entdeckt, es waren unsere brasilianischen Freunde, die Dinge gesehen haben, von denen sie glaubten und behaupteten, dass sie zu dem (Air-France-)Flugzeug gehörten", fügte er hinzu.

Bussereau zeigte sich von der "schlechten Nachricht" enttäuscht. Er wolle aber Brasilien nicht kritisieren; schließlich helfe es "großherzig" und trauere selbst, sagte er im Radiosender RTL. "Die Zeit spielt gegen uns," betonte er. Das Wichtigste sei nun, die beiden Flugschreiber der A330 zu finden. Dazu müsse das Suchgebiet "sicherlich" wieder ausgeweitet werden, sagte der Staatssekretär.

Die brasilianische Armee hatte am Vortag eingeräumt, dass die bislang aus dem Meer gefischten Teile nicht wie zunächst angekündigt von der abgestürzten Maschine stammten. Es handelte sich unter anderem um eine Holzpalette. Zudem habe sich herausgestellt, dass es sich beim dem angeblichen Kerosinfilm auf dem Wasser um Öl handle, das von einem Schiff stamme. Die brasilianische Luftwaffe hatte anfangs auch einen im Wasser treibenden Flugzeugsitz sowie ein sieben Meter langes Wrackteil ausgemacht, die aber noch nicht geborgen wurden.

Geschwindigkeitsproblem wahrscheinlich

Die von dem abgestürzten Air-France-Flugzeug zuletzt abgesetzten Meldungen deuten der französischen Luftfahrtermittlungsbehörde zufolge darauf hin, dass die Maschine tatsächlich ein Geschwindigkeitsproblem hatte. Die Geschwindigkeit in einem Flugzeug werde mehrfach gemessen, und bei dem abgestürzten Airbus A330 hätten die automatisch übertragenen Messdaten nicht zusammengepasst, erklärte die Behörde BEA am Freitag in Paris. Die BEA sprach von einer "Inkohärenz". Trotzdem sei es nicht angebracht, voreilige Schlüsse zu ziehen oder über die Ursache der Katastrophe zu spekulieren.

Der europäische Flugzeugbauer Airbus verschickte eine Empfehlung an alle Luftfahrtgesellschaften, die Maschinen vom Typ A330 in ihrer Flotte haben, wie ein Unternehmenssprecher am Freitag sagte. Airbus habe die Besatzungen daran erinnert, was sie bei Unstimmigkeiten in der Geschwindigkeitsmessung zu tun hätten.

Die französische Zeitung "Le Monde" hatte am Donnerstag berichtet, die Unglücksmaschine sei möglicherweise zu langsam durch eine Unwetterzone über dem südlichen Atlantik geflogen. Airbus wolle die Fluggesellschaften deshalb daran erinnern, dass die Piloten "bei schwierigen Wetterbedingungen den Schub der Triebwerke beibehalten müssen". Die Luftfahrtbehörde BEA und das Unternehmen hatten den Bericht zurückgewiesen.

Fachleute werteten die angebliche Warnung dagegen als Hinweis auf einen möglichen Pilotenfehler. Beim Flug durch Turbulenzen werde üblicherweise die Geschwindigkeit verringert, sagte der frühere französische Linienpilot Jean Serrat. "Aber wenn man die Geschwindigkeit zu stark reduziert, stürzt man ab." In brasilianischen Medien hatte es am Donnerstag geheißen, die kurz vor der Katastrophe gesendeten technischen Meldungen deuteten darauf hin, dass der Airbus im freien Fall ins Meer stürzte.

Keine Spur von den Opfern

Von den 228 Opfern, unter ihnen eine Tirolerin, fehlt weiterhin jede Spur. Falls das Flugzeug explodiert sei, sei es sehr schwierig, Leichenteile im Wasser zu finden, sagte der Leiter der Rechtsmedizin der Berliner Charité, Michael Tsokos. "Normalerweise können Leichen im Wasser gut geborgen und identifiziert werden", sagte er am Freitag weiter. Dafür sei allerdings wichtig, dass sich die Leichen in einem Gebiet befinden, das für Rettungskräfte erreichbar ist.

Der französische Außenminister Bernard Kouchner bekräftigte, dass der Generalstaatsanwalt die Vermissten noch nicht offiziell für tot erklärt habe. Das sei je nach Umständen erst nach drei Wochen oder drei Monaten möglich. Kouchner, der am Donnerstag in Rio an einer Trauerfeier teilgenommen hatte, versprach Transparenz bei den Untersuchungen. "Wir verbergen nichts, und wir hätten auch keinerlei Grund, etwas zu verheimlichen", sagte er.

"Die Suche geht weiter", betonte der Sprecher der Luftwaffe, Ramon Cardoso. Derzeit sind elf brasilianische und fünf französische Maschinen im Einsatz. Die USA entsandte ebenfalls ein Suchflugzeug. Zudem befinden sich mehrere Schiffe in dem mutmaßlichen Absturzgebiet. Die Suche konzentriert sich auf eine Fläche von etwa 6.000 Quadratkilometern, das entspricht etwa einer Fläche, die halb so groß ist wie Tirol. Für Freitag haben die Meteorologen schlechtes Wetter vorausgesagt, was die Suche erschweren würde.

Der Flugschreiber, der 30 Tage lang Signale aussendet, wurde bislang noch nicht geortet. Seine Bergung könnte extrem schwierig werden, da der Atlantik in dem Gebiet zwischen 2.000 und 3.000 Meter tief und von Meeresgebirgen durchzogen ist. (APA/AFP/dpa)

Nachlese mit Postings: Flugschreiber bisher nicht geortet

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    Die aus dem Meer geborgene Fracht-Palette aus Holz wird üblicherweise nicht in einem Airbus eingesetzt - vermutlich gehört sie zu einem Schiff.

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