"IPv4 wird irgendwann nicht mehr da sein"

5. Juni 2009, 17:42
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Das Problem ist bekannt und es gibt eine allseits anerkannte Lösung: IPv6 - Die Einführung kommt aber nur langsam in Gang

Das Problem ist bekannt und es gibt eine allseits anerkannte Lösung: Ipv6 soll das bisherige Internet-Protokoll IPv4 ablösen, damit es auch in Zukunft genügend IP-Adressen für alle Menschen und Geräte im globalen Datennetz gibt. Die Einführung des neuen Standards kommt aber nur langsam in Gang, wie eine Fachkonferenz in Frankfurt am Main deutlich gemacht hat.  Trotz EU-Vorgabe, das neue Protokoll bis zum nächsten Jahr bei 25 Prozent aller Unternehmen, Privatanwender und Behörden einzuführen.

Torschlusspanik

Zurzeit wird noch nicht einmal ein Prozent des Netzverkehrs über IPv6 abgewickelt, wie Daniel Karrenberg vom europäischen Internet-Koordinationszentrum RIPE NCC in Amsterdam den Konferenzteilnehmern vortrug. Dabei werde geschätzt, dass das Angebot an verfügbaren IP-Adressen mit IPv4 im ersten oder zweiten Quartal 2012 erschöpft sei. Er selbst halte das noch für optimistisch, sagte Karrenberg, der auch Vorstandsvorsitzender der transnationalen Internet Society (ISOC) ist. Denn bei jeder Verteilung eines knappen Gutes gebe es "am Ende immer eine Torschlusspanik".

An der Umstellung des Internet-Protokolls sind viele verschiedene Netzteilnehmer beteiligt, und das macht die Sache so schwierig. "Alle warten auf alle", sagt der Chefredakteur von heise.de/netze, Johannes Endres, einer der Veranstalter der Frankfurter Konferenz.

Von den Zugangsanbietern bis zu den Privatanwendern

Die Internet-Zugangsanbieter müssen ihre Netzgeräte so einrichten, dass diese IPv6 verstehen. Das bedeutet einen einmaligen Investitionsaufwand, da eine Vielzahl von Geräten betroffen ist: DNS-Server müssen die neuen Adressen in Domain-Namen übersetzen. Und auch den zahllosen Routern, Switches, Firewalls, Proxy-Servern und Gateways muss beigebracht werden, dass die Datenpakete mit IPv6 ein anderes Format haben.

"Business Case"

Für Investitionen in neue Technik brauchen Unternehmen einen "Business Case", der den Aufwand mit entsprechenden Profit-Perspektiven rechtfertigt. Weil es mit IPv6 keine wesentlichen neuen Funktionen oder gar eine "Killer-Applikation" gibt, fehlen dem Management der Internet-Provider die Argumente. Viele hoffen offenbar darauf, dass die Anbieter von Internet-Inhalten bestimmte attraktive Angebote nur über das neue Protokoll bereitstellen.

"IPv4 wird irgendwann nicht mehr da sein"

Dazu müssen die Web-Server der "Content Provider" auf das neue Protokoll eingerichtet werden, was bei einigen Anbietern bereits fleißig getestet wird. So hat etwa Google einen Server mit IPv6 laufen, der unter ipv6.google.com zu erreichen ist. Wann der Testbetrieb in den Vollbetrieb übergehen wird, ist aber völlig offen. "IPv4 wird irgendwann nicht mehr da sein", sagt Thorsten Dahm, Netzwerkingenieur bei Google in Dublin. "Die Frage ist nur der Zeitpunkt der Umstellung." Oberste Priorität müsse die Erreichbarkeit der Google-Dienste haben.

Schließlich muss auch der Internetanschluss der Privatanwender mit IPv6 zurechtkommen. Erforderlich ist hier zunächst ein IPv6-fähiges Betriebssystem. Bei Windows wird dies ab Vista von Haus aus unterstützt (bei XP muss da noch etwas gebastelt werden), keine Probleme gibt es mit Max OS X und Linux. Außerdem muss der DSL-Router das neue Protokoll unterstützen, was bislang nur bei neueren Geräten der Fall ist.

Nur zwei Ländern konnten IP-Adressbedarf angeben

Netzbetreiber wie die Deutsche Telekom rechnen mit einer längeren Übergangszeit, in der sie mit beiden IP-Protokollen zu tun haben werden. "Wir werden dann zwei Netzwerkstrecken auf denselben Komponenten haben, die aber logisch entkoppelt sind", erklärte Telekom-Ingenieur Karsten Fleischhauer im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AP. "Beim DSL-Zugang wird geprüft, ob die Technik des Kunden IPv4 oder IPv6 verlangt. Je nachdem wird dann die Netzwerkstrecke mit dem entsprechenden Protokoll gewählt."

In der Anfangszeit der Internet-Ära war es einfach, sich unter den wenigen Netzteilnehmern auf ein Protokoll zu verständigen. Die Umstellung auf IPv6 ist deswegen schwierig, weil es so viele und so große Netzteilnehmer gibt. "Wenn man klein genug ist, ist die IPv6-Einführung völlig trivial", versichert Lutz Donnerhacke vom IT-Dienstleister IKS in Jena. "Das macht bei uns ein Techniker, ohne dass das Management etwas davon bemerkt."

Keine Ahnung

Vielen Internet-Nutzern ist die Bedeutung einer IP-Adresse offenbar nicht bewusst. Constanze Bürger vom IT-Referat des Bundesinnenministeriums berichtete auf dem Frankfurter Kongress, ihre Abteilung habe für die Beantragung der neuen IPv6-Adressen versucht, den Bedarf der öffentlichen Verwaltung in Bund und Ländern zu ermitteln. "Es konnten nur zwei Länder richtig Auskunft geben, und anhand dieser Angaben haben wir das hochgerechnet", sagte Bürger.

Nötig ist also nicht zuletzt mehr Information, und dies war auch das Hauptanliegen der Veranstalter, unter ihnen Frank Orlowski. Der Manager beim deutschen Internet-Knoten DE-CIX in Frankfurt am Main macht deutlich, um was es geht: "Wir wollen sicherstellen, dass diese großartige Kommunikationsplattform nicht nur weiter Bestand hat, sonder sich auch weiterentwickeln kann". (APA/AP)

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