Zahnarztpraxis für Obdachlose

5. Juni 2009, 11:04
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Obdachlose Menschen leiden unter besonders gravierenden Mängeln am Gebiss und an den Zähnen

Wien - Seit drei Jahren ist das Team neunerHAUSARZT im Einsatz und betreut mittlerweile jährlich 1.200 obdachlose Menschen in Wien. Als nächster Schritt in der medizinischen Versorgung Obdachloser wurde im März 2009 die "neunerHAUS Zahnarztpraxis für Obdachlose" in der Stumpergasse 60 im 6. Wiener Gemeindebezirk in Betrieb genommen. Sie füllt die Versorgungslücke niedrigschwelliger, zahnmedizinischer Behandlung für obdachlose Menschen.

Offenes Angebot

"Obdachlose Menschen haben eine hohe Hemmschwelle einen Arzt aufzusuchen. Im zahnmedizinischen Bereich ist die Angst vor den anfallenden Kosten eine geradezu unüberwindbare Barriere. Das Angebot der neunerHAUS Zahnarztpraxis steht allen wohnungs- und obdachlosen Menschen in Wien offen", so Markus Reiter, Geschäftsführer neunerHAUS. Vorerst ordinieren 13 ehrenamtliche ZahnärztInnen abwechselnd in der Praxis neben dem neunerHAUS-Vereinsbüro. Unterstützt werden sie von einer Zahnarztassistentin und einer Sozialarbeiterin, um den Bedürfnissen der KlientInnen auch in Krisensituationen gerecht zu werden. Seit der Eröffnung im März 2009 konnten bereits mehr als 100 PatientInnen behandelt werden. Die meisten von ihnen kamen aus Einrichtungen der Wiener Wohnungslosenhilfe.

Hauptbedarf Prothesen

Die neunerHAUS Zahnarztpraxis umfasst grundsätzlich das gleiche medizinische Angebot, das auch von niedergelassenen Zahnärzten geboten wird: Grundsanierung, Prothetik (Voll- und Teilprothesen), Füllungen, Extraktionen, Wurzelbehandlungen. Die ersten Betriebsmonate bestätigen, wovon im Vorfeld der Eröffnung der Zahnarztpraxis die involvierten Ärzte und Zahnärzte rund um den ärztlichen Leiter Walter Löffler ausgingen: Obdachlose Menschen leiden unter besonders gravierenden Mängeln am Gebiss und an den Zähnen, einen wichtigen Schwerpunkt bildet daher die Prothetik.

Insgesamt sind von Mitte März bis Ende Mai 107 PatientInnen mit 1.470 Einzelleistungen in durchschnittlich knapp 3 Sitzungen pro Person versorgt worden. Dabei wurden 38 Prothesen gefertigt, 11 Prothesen repariert, 83 Zähne erhielten neue Füllungen, aber auch 204 Extraktionen waren erforderlich.

Sozialer Anschluss und Selbstwertgefühl

"Die Zahnbehandlungen haben für unsere Patientengruppe neben dem medizinischen zusätzlich einen sozialen Effekt: die Chancen auf den Anschluss werden deutlich verbessert. Die Betroffenen fühlen sich in ihrem sozialen Auftreten sicherer und gestärkter, trauen sich wieder neue Lebensziele wie eine berufliche Aus- oder Fortbildung oder eine eigenständige Wohnung in Angriff zu nehmen", freut sich Reiter. Neben der Wiederherstellung der Kaufähigkeit und der Sanierung von Zähnen sollen die PatientInnen bei der Erhaltung gesunder Zähne unterstützt und für Mundhygiene sensibilisiert werden. Insgesamt wird eine Stärkung des Gesundheitszustandes, des Immunsystems und des Selbstwertgefühls von wohnungslosen PatientInnen angestrebt. Somit ergänzt die neunerHAUS Zahnarztpraxis im ganzheitlichen Sinne wesentlich die allgemeinmedizinische Versorgung des Teams neunerHAUSARZT und die Anstrengungen der neunerHÄUSER wie auch der Wiener Wohnungslosenhilfe gesamt, obdachlose Menschen nachhaltig in die Eigenversorgung und ein eigenverantwortetes Leben zurückzuführen.

Informationskampagne

"Ziel für die kommenden Monate ist es, die Betroffenen auf der Straße aktiv auf das Angebot der neunerHAUS Zahnarztpraxis aufmerksam zu machen", plant Livia Mutsch, Leiterin des Geschäftsbereiches Gesundheit im Verein neunerHAUS. Unterstützt wird dies durch eine von Euro RSCG Vienna - ehrenamtlich - konzipierte Kampagne, die die Agentur bis zum Herbst Schritt für Schritt umsetzen wird.

Keine Angst vor Zahnarztkosten

Kosten für Behandlungen beziehungsweise Selbstbehalte, die aufgrund sozialversicherungsrechtlicher Bestimmungen von PatientInnen privat zu finanzieren sind, trägt der Verein neunerHAUS.

"Die Möglichkeit zur Inanspruchnahme und die Qualität von Gesundheitsdiensten unabhängig vom Einkommen gehört zu den grundlegenden Menschenrechten. Mit der neunerHAUS Zahnarztpraxis nehmen wir obdachlosen Menschen die Angst vor Behandlungskosten und öffnen die Tür zu einem gesünderen Leben. Allen Beteiligten, der Stadt Wien, der Wiener Gebietskrankenkasse, den Zahnärzten, den Sponsoren und dem Verein neunerHAUS ist ein großer Schritt in diese Richtung gelungen", blickt Markus Reiter optimistisch in die Zukunft der neunerHAUS Zahnarztpraxis. (red, derStandard.at)

Unterstützung durch Wiener Gebietskrankenkasse und Stadt Wien

Ein Vertrag mit der Wiener Gebietskrankenkasse bildet die rechtliche und finanzielle Grundlage der neunerHAUS Zahnarztpraxis. Die ehrenamtlich tätigen Fachärzten für Zahn-, Mund und Kieferheilkunde behandeln im Auftrag des Vereins die PatientInnen und der Verein verrechnet die erbrachten Leistungen.

Der Fonds Soziales Wien stellt für nicht-medizinische Leistungen und offene Einrichtungs- und Projektvorbereitungskosten 140.000,-- Euro bis Ende 2009 zur Verfügung. Die Ausstattung mit technischen Geräten - wie Behandlungsstühle und Röntgenapparate - sowie die baulichen Adaptierungsarbeiten in den ehemaligen Lagerräumen wurde durch die Dentalausstatterfirma Henry Schein und deren Subunternehmen sowie durch Sachspenden der ehrenamtlichen ZahnärztInnen ermöglicht. Die Ordinationssoftware spendete die Firma Kopfwerk. Auch SpenderInnen des Vereins neunerHAUS trugen zur Errichtung bei.

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NeunerHAUS

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    flyer: neunerhaus
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