Ein Journalist als chronischer Grünseher

4. Juni 2009, 21:23
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Jahrelang war ihm der Schutz der Donauauen ein journalistisches Anliegen - Ein Vierteljahrhundert nach der Aubesetzung in Hainburg ist Karl Danninger jetzt selbst zum Praktiker geworden - als Führer im Nationalpark

Für den pensionierten Journalisten Karl Danninger ist eine Wanderung durch die Au auch immer ein sprachlicher Genuss. Wegen des schillernden Namens so manchen Getiers in dem dichtbewachsenen, von Wasseradern durchzogenen und von Maschinen im Landeanflug auf Wien-Schwechat überquerten Waldgebiet beidseits der Donau östlich von Wien.

Angetan hat es ihm etwa die Spitzschlammschnecke (bis zu sieben Zentimeter lang, mit turbanartig zulaufendem Gehäuse). Und der Ulmensplintkäfer (Borkenkäfer, der seit mehreren Jahrzehnten einen für besagte Baumart tödlichen Pilz transportiert): "Fachausdrücke wie diese haben mich schon fasziniert, als ich in die Au nur in der Freizeit gekommen bin. Seit ich hier arbeite, habe ich von den Kollegen, die ja vielfach Experten sind, einiges dazugelernt", sagt der 67-Jährige.

Vom umweltpolitisch engagierten Journalisten ist Danninger aber nicht ganz freiwillig zum Nationalparkführer geworden. Vor allem geschah es früher als vorhergesehen. "Jahrelang hatte ich geschrieben, dass man Menschen, wenn sie es wollen, bis zum Alter von 67 Jahren arbeiten lassen sollte. Und dann bin ich mit 62 selber in die Frühpension geschickt worden", erzählt er.

Im Schock erzwungener Untätigkeit nach seiner - zuletzt - aufreibenden Tätigkeit als Chefredakteur der Oberösterreichischen Nachrichten entschloss sich der gebürtige Oberösterreicher, sein Hobby zum Job zu machen. Nach einem halbjährigen Kurs führt er seit nunmehr zwei Jahren Besucher durch die grüne und - wie er betont - gefährdete Au.

Gefährdet im Grunde als Ganzes, meint er: Denn 25 Jahre nach der Aubesetzung in Hainburg, die den Bau eines weiteren Wasserkraftwerks an der Donau verhinderte, seien die 9300 Hektar Urlandschaft zunehmend wieder den Begehrlichkeiten der Kraftwerkslobbys ausgesetzt. "Ausgesprochen wird das nicht, aber in den letzten Monaten ist in Aussendungen der Industriellenvereinigung und der Wirtschaftskammern öfter wieder der Wasserkraftausbau ein Thema", schildert der Aufan, der bis 1994 das Innenpolitikressort des STANDARD geleitet hat.

Im Früherkennen eines schnöden Umgangs mit dem Umweltschutz ist der Journalist und Autor aber bereits seit 1978 Profi. Vor der damaligen Volksabstimmung über das österreichische Atomkraftwerk Zwentendorf habe Presse-Chefredakteur Thomas Chorherr die Pro-Atom-Linie des Blattes "über Nacht umgedreht, nur um Bundeskanzler Bruno Kreisky zu schwächen".

Danninger, zu diesem Zeitpunkt Presse-Redakteur, zog persönliche Konsequenzen: Er ging. Jetzt, in der Au, setzt er auf persönliche Informationsweitergabe: "Ich erkläre, dass diese Landschaft durch ein neues Wasserkraftwerk im weiten Teilen vollkommen vertrocknen würde".

Gefährdet sei die langgestreckte Naturzone zwischen Wien und der slowakischen Grenze aber auch, weil in dieser Umgebung zum Beispiel ein Mensch, der hirnlos über Waldwege trampelt, für viele andere Lebewesen eine Gefahr darstellt. "Man muss genau schauen, wo man seinen Fuß hinsetzt, um nicht vielleicht einen seltenen Käfer zu töten. Das muss ich vor allem vielen Schülern erklären", sagt Danninger auf dem Weg durch den Regen über die Schlossinsel in Orth, wo sich das Nationalparkzentrum befindet.

Ehrenrettung des Bibers

Im Schloss selbst wird - ideal für schlechtes Wetter wie an diesem Tag - ein Indoor-Programm geboten, das etwa zur Ehrenrettung der Biber ansetzt. Vor 150 Jahren in Mitteleuropa ausgerottet, wurden diese dammbauenden - also Bäume niedernagenden und Überschwemmungen produzierenden - Tiere vor dreißig Jahren im Nationalpark neu angesiedelt.

Dass jetzt vielfach von einer "Biberplage" die Rede ist, hat laut Danninger mit der Zerstückelung naturnaher Landschaften zu tun. "Mangels Alternativen verlassen junge Biber die Au und suchen in bewohntem Gebiet ein Revier. Um Konflikte zu verhindern, müsse man für "Naturbrücken" zwischen Schutzzonen sorgen - doch der Straßenbau mache das schwer. (Irene Brickner/DER STANDARD, Printausgabe, 5.6.2009)

  • Aus der erzwungenen Frühpension in die Au: Journalist Karl Danninger,
hier auf der Schlossinsel von Orth, hat aus seinem umweltpolitischen
Engagement einen neuen Job gemacht.
    foto: standard/regine hendrich

    Aus der erzwungenen Frühpension in die Au: Journalist Karl Danninger, hier auf der Schlossinsel von Orth, hat aus seinem umweltpolitischen Engagement einen neuen Job gemacht.

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