3000 Würmer knabbern für Leos Gewissen

4. Juni 2009, 20:47
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Der Journalist Leo Hickman versuchte, ein Jahr lang ethisch korrekt zu leben

Leo Hickman lebt im südlichen London gemeinsam mit seiner Frau Jane, zwei kleinen Töchtern - und 3000 Würmern. Letztere fressen für Hickman unermüdlich, damit sein Lebensstil etwas weniger an seinem Gewissen nagt.

Dieser Wurmkomposter im Minigarten war Teil eines Experiments, dem sich Hickman als Journalist der Zeitung The Guardian gemeinsam mit seiner Familie unterzog: Ein Jahr lang wollte er so ökologisch und ethisch korrekt wie nur irgend möglich leben.

Drei Öko-Experten hatten Hickmans Leben durchforstet, von vorn bis hinten, von oben bis unten. Die Ergebnisse versuchte er penibel Schritt für Schritt umzusetzen, die Erfahrungen gab er in einer Kolumne im Guardian wieder - und verarbeitete sie schließlich zu einem Buch, dessen Titel bereits alles sagt: Fast nackt - Mein abenteuerlicher Versuch, ethisch korrekt zu leben.

Was diesen Versuch so sympathisch macht: Der Autor macht sich nicht lustig über Ökoschrullen und Informations-Wirrwarr. Er nimmt die Ziele durchaus ernst; und dennoch gelingt es ihm, den Prozess mit der staubtrockenen Selbstironie des britischen Humors zu reflektieren.

Begonnen hatten sie in der Küche. Der nächste Einkauf im Supermarkt endete mit einem gähnend leeren Wagerl. Obst und Gemüse, das um die halbe Welt gereist ist? Vergiss es. Das wöchentliche Biokistl wurde bestellt. Der nächste Urlaub der bisherigen Reisefanatiker wurde eine Eisenbahnfahrt mit anschließender Wanderung durch die Toskana. Ob sie auf diesem Trip mit dem Baby die waschbaren Windeln mitnehmen sollten?

Und so ging es weiter: Gifte in Putz- und Toiletteartikeln, die Bedenken beim Küchenumbau, die Durchforstung der Elektrogeräte und nicht zuletzt die Autofrage. Als ihm die Experten schließlich eine Kompost-Toilette oder ein Schmutzwasser-System, das ihr Badewasser durch Toilette und in den Garten leitet, empfahlen, bekannte Hickman das erste Mal: "Langsam verliere ich den Lebenswillen." Und als es hieß, "in einem richtigen Öko-Haus gibt es keinen Kühlschrank, sondern nur eine Speisekammer und ein Tongefäß mit Wasser zum Kühlen", verdrehte Jane nur noch die Augen.

Hickman hielt durch und beschrieb offen all seine Bemühungen und Kompromisse. Auch nach dem offiziellen Ende des Experiments macht er weiter, versorgt inzwischen seine neuen Hochbeete im "Garten" mit dem Kompost seiner Würmer. Und er beantwortet Leserfragen in seiner Kolumne "Ask Leo". (Roman David-Freihsl, DER STANDARD - Printausgabe, 5. Juni 2009)

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