Das Ende von Schwarz-Weiß

4. Juni 2009, 19:37
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Die islamische Welt sollte nicht mehr mit dem unerträglichen Schwarz-Weiß-Blick gesehen werden

Es war eine große Rede. US-Präsident Barack Obama hat das Format – den Intellekt, die menschliche und politische Glaubwürdigkeit, das Auftreten –, auf das so viele frustrierte Freunde und Freundinnen der USA lange Jahre verzichten mussten. Seine Ansprache an die islamische Welt war respektvoll, aber nicht anbiedernd, deutlich, aber nicht belehrend, ausgewogen, aber nicht relativierend. Ein Ansatz durchzog sie von Beginn bis zum Schluss: Wir müssen mit dem Aufrechnen von Vergangenem aufhören, wir müssen einander besser zuhören – und zwar beide Seiten.

Wie es jedoch mit dialektischen Zugängen so ist, wird diese Rede jenen besser schmecken, die nicht „Partei“ sind. Den Israelis wird zu viel sein, was den Palästinensern zu wenig ist, und umgekehrt. Es wünschen auch bei weitem nicht alle Zuhörer, hüben und drüben nicht, dass „Völker und Nationen transzendiert“ werden. Manchen wird es ein „heiliger“ Koran zu viel und eine „Freiheit“ zu wenig gewesen sein – und das Wort „Terrorismus“ kam überhaupt nicht vor. Für die andere Seite gab es wiederum kein konkretes Eingeständnis irgendwelcher amerikanischer „Fehler“, obwohl die Erwähnung des „war of choice“ im Irak – des selbstgewählten Kriegs im Gegensatz zum aufgezwungenen Krieg in Afghanistan –, von Folter und Guantánamo klar genug war.

Dass Obama noch keinen israelisch-palästinensischen Friedensplan vorschlagen würde, war bekannt, trotzdem wird von arabischer Seite die Aufforderung von Taten, die den Worten folgen sollen, nicht ausbleiben. Inhaltlich sagte Obama zum Nahostkonflikt nichts Neues, atmosphärisch fiel jedoch die explizite Gegenüberstellung der „Rechte“ beider Völker auf. Und Obama enthielt sich nicht einer verschlüsselten Anspielung auf die momentan in Israel laufende Diskussion über inoffizielle Absprachen zwischen der früheren US-Regierung und Israel, das Westjordanland und die Siedlungen betreffend: „Wir werden öffentlich sagen, was wir privat sagen.“

Das Bekenntnis Obamas zum unzerbrechlichen Bund mit Israel war bedingungslos, seine Verurteilung der Holocaust-Relativierung unzweideutig. Es ist zu hoffen, dass dies in der Region mit der gleichen Ernsthaftigkeit aufgenommen wird wie der Rest der Rede. Die islamische Welt sollte nicht mehr mit dem unerträglichen Schwarz-Weiß-Blick gesehen werden – und sie sollte sich selbst von diesem Blick auf andere befreien.

Und nicht ohne Grund kam der meiste Applaus, als Obama über die Demokratie sprach und darüber, was die Regierten von den Regierenden verlangen dürfen. Die Forderung ist nicht neu, aber sie war, von einem US-Präsidenten kommend, jahrelang delegitimiert. In diesem Sinn ist Obama selbst Teil seiner Botschaft: Allein dass er gewählt werden konnte, hat den Menschen im Nahen und Mittleren Osten drastisch den Unterschied zwischen den Systemen vor Augen geführt. Die Wortmeldung Osama Bin Ladens während der Rede kam da ganz recht: Er stellt die muslimische Zuhörerschaft Obamas vor die Alternative „Er oder ich“. Und bei dieser Wahl ist Obama klarer Favorit. (DER STANDARD, Printausgabe, 5.6.2009)

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