Eine grüne Welle überrollt Teheran

4. Juni 2009, 19:09
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Jugendliche feiern Mussavi als Sieger der TV-Debatte mit Präsident Ahmadi-Nejad - Khamenei attackiert USA

Er sprach, wie man es von ihm gewohnt ist, aggressiv und ohne sich zu bemühen, seine Vorwürfe mit Beweisen zu unterlegen. Er warf allen Regierungen der letzten 24 Jahre im Iran vor, entweder korrupt oder unfähig gewesen zu sein, das Land richtig zu führen. Sein Angriff richtete sich vor allem gegen den früheren Präsidenten Hashemi Rafsanjani, dem er vorwarf, hinter allen Kampagnen gegen ihn zu stecken. Er verschonte auch nicht das letzte Staatsoberhaupt Mohammed Khatami.

Trotzdem spürte man eine gewisse Nervosität bei Präsident Mahmud Ahmadi-Nejad in der TV-Konfrontation mit seinem stärksten Herausforderer bei den Wahlen am 12. Juni, Mir Hossein Mussavi. Es war eine lange Nacht im Iran. Millionen saßen am Mittwochabend vor den Bildschirmen, um zum ersten Mal eine Diskussion zwischen dem Amtsinhaber und einem seiner Konkurrenten zu verfolgen.

Mussavi forderte Ahmadi-Nejad auf, falls er Beweise habe, diese der Justiz vorzulegen und nicht Leute in Abwesenheit in Verruf zu bringen. Es war vor allem seine korrekte Haltung, die mit Begeisterung aufgenommen wurde. Er griff Ahmadi-Nejad wegen dessen Außenpolitik frontal an und brachte mehrere konkrete Beweise. Er nannte unter anderem Ahmadi-Nejads Äußerungen über den Holocaust und seine Auftritte im Ausland. Durch sein Benehmen und seine Reden habe der Präsident den Iran isoliert und die Ehre der iranischen Nation in der Welt aufs Spiel gesetzt. Ahmadi-Nejad verteidigte seine Außenpolitik und nannte seine Gegner "Unwissende, die ihre Augen vor den Tatsachen der Welt geschlossen haben" .

Grüne Mäntel und Kopftücher

Nach der Diskussion versammelten sich tausende Menschen in den Straßen Teherans und versuchten, ihren Favoriten als Sieger zu feiern. Die "grüne Welle" , die den Iran in den vergangenen Tagen überrollt hat, war auch in dieser Nacht nicht zu übersehen. Vor allem junge Frauen und Männer gaben ihrer Sympathie für Mussavi in Freudenkundgebungen Ausdruck. Viele junge Mädchen haben ihren dunklen Mantel gegen einen grünen getauscht oder tragen grüne Kopftücher. Die Anhänger Ahmadi-Nejads versammelten sich großteils vor dem Zentralgebäude des Fernsehsenders und wollten den Präsidenten nach der Debatte begrüßen. Es kam zu kleinen Zusammenstößen.

Die Meinungen über den Ausgang der Debatte gehen weit auseinander. Die Anhänger Mussavis bezeichnen ihren Favoriten als eindeutigen Sieger und feiern ihn auf Plakaten, die Donnerstagfrüh in Teheran auftauchten, bereits als Sieger. Die Parteigänger Ahmadi-Nejads meinen dagegen kaum überraschend, dass ihr Kandidat die erste Runde gewonnen habe.

Schützenhilfe erhielt Ahmadi-Nejad am Donnerstag vom geistlichen Oberhaupt Ajatollah Ali Khamenei. Er griff die USA kurz vor der Rede von Präsident Barack Obama in Kairo scharf an. "Die Nationen in diesem Teil der Welt ... hassen die USA zutiefst, sagte Khamenei in einer im Fernsehen übertragenen Rede. "Auch wenn diese (die USA, Anm. Red.) süße und schöne Reden vor den muslimischen Ländern halten, ändert dies nichts." Israel bezeichnete Khamenei als "Krebsgeschwür im Herzen" der muslimischen Länder.

Vier weitere TV-Debatten zwischen Kandidaten stehen noch bevor. Alles deutet auf ein heißes Wahlkampffinale bis zum kommenden Freitag hin. Allgemein wird eine hohe Wahlbeteiligung erwartet. Entscheidend wird diesmal die Jugend sein. Unter den Jungwählern ist eine noch größere Begeisterung für Mussavi zu spüren als bei der ersten Wahl Mohammed Khatamis zum Präsidenten vor zwölf Jahren. (Amir Loghmany aus Teheran/DER STANDARD, Printausgabe, 5.6.2009)

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    Mussavi-AnhängerInnen vor der Teheraner Universität

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