Wonach in Peking kein Hahn mehr kräht

4. Juni 2009, 19:09
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Die Olympischen Spiele 2008 sollten Peking auf Dauer bessere Luft bringen. Davon blieb wenig, täglich werden mehr als tausend neue Pkws zugelassen. Die Stadien mühen sich um Nachnutzung.

"Fünf zu null". Die Zahlen im blauen Kästchen auf der Titelseite der Pekinger Fazhi-Abendzeitung am Montag zeigen nicht das Ergebnis des Fußballspiels vom Wochenende an. Die beiden Ziffern beziehen sich auf die Nummernschilder Pekinger Autos. Wagen mit Endziffer "5" oder "0" dürfen am Dienstag nicht fahren. Pekings Behörden legen so mit zwei täglich neuen Zahlen jeden fünften Pkw still.

Die Zwangsmaßnahme zur Ausdünnung des Chaosverkehrs, für den 3,6 Millionen Autos zugelassen sind, ist ein Überbleibsel der Olympischen Sommerspiele 2008. Damals, im August, hatte täglich abwechselnd jedes zweite Auto Fahrverbot, um Pekings notorisch schlechte Luft aufzubessern. Zudem wurden Baustellen geschlossen, hunderte Fabriken stillgelegt und Millionen Bäume gepflanzt. Die Kraftanstrengung zahlte sich riechbar aus.

Neun Monate später, so stellte die Wissenschaftszeitung Beijing Kejibao fest, ist fast wieder alles beim Alten. Baustellen und Fabriken blasen Dreck und Staub in die Luft. Zwar hat Peking seine Abgasnormen verschärft, aber täglich werden mehr als tausend neue Pkws zugelassen. 2007 lagen die Abgas-, Staub- und Partikelwerte der Luft 47 Prozent über Chinas Normmaß. Sie sanken im Olympiajahr ab, nun steigen sie wieder. Luftforscher Wang Gengchen von der Akademie für Wissenschaften fordert, alle Dachterrassen zu begrünen. 70 Millionen Quadratmeter Gärten könnten gepflanzt werden. Schon ein Drittel davon würde die Luftwerte verbessern wie 27 neue städtische Großparks. Peking müsse auch die schlimmsten Luftverschmutzer aus dem Verkehr ziehen, statt sie wie schon während der Spiele nur aus der Innenstadt zu verbannen. 300.000 Fahrzeuge fahren mit gelben statt grünen Umweltplaketten und verursachen 50 Prozent aller Abgase.

Am Geld lag es nicht, dass von den Spielen so wenig für die Umwelt bleibt. Peking butterte in seine Runderneuerung 42 Milliarden Dollar, fast dreimal so viel, wie Athen 2004 ausgegeben hatte. Abgesehen von neuen Klärwerken, Mülldeponien, mehr Fernwärme und Gas (statt Kohlekraftwerken), floss das meiste Geld in die Infrastruktur. In U-Bahnen, Flughäfen, Bahnhöfe und Autostraßen wurde investiert. Chinas Hauptstadt ist dank Olympia moderner geworden. Mit hunderten Prachtbauten (allein mehr als sechzig Fünfsternehotels) und überdimensionierten Stadien glänzt sie nach außen. Doch wie anderen Olympiastädten machen auch Peking mangelnde Auslastung und Nachnutzung zu schaffen.

Von 31 Olympia-Stadien baute die Stadt zwanzig neu, elf ließ sie komplett renovieren. "Wir haben jetzt zwei Wahrzeichen" sagt stolz Fahrradreparateur Wang in der Sanlitun-Gasse. Er meint das von den Schweizer Architekten Herzog & deMeuron erbaute Nationalstadion für 91.000 Zuseher, das der Volksmund "Vogelnest" nennt, und die futuristische Schwimmhalle, den "Wasserwürfel". Die Bauwerke sind die sichtbarste Hinterlassenschaft der Spiele und Publikumsmagneten. Bis dato wurde das Vogelnest von mehr als 3,5 Millionen Besuchern bestaunt, die 210 Millionen Yuan (23 Mio. Euro) für Tickets und Souvenirs ausgaben. 2,3 Millionen besuchten den Wasserwürfel, was 80 Millionen Yuan hereinspülte.

Doch mit der Nachnutzung tun sich beide Kultstätten gleich schwer. Das Vogelnest zeigte bisher Musikshows und will Gastgeber für ein Autorennen und für den italienischen Supercup mit dem Finalspiel Inter gegen Lazio im August werden. Ein Spektakel plant auch Starregisseur Zhang Yimou, der 2008 im Vogelnest die Eröffnungsgala der Spiele inszenierte. Er führt am 6. und 7. Oktober Puccinis Turandot mit 3000 Mitwirkenden auf.

Alle Pekinger Sportstadien werden derzeit zu Einkaufs- und Freizeitparadiesen oder Megaveranstaltungsorten umgebaut. Die Stadtführung hat als Motto vorgegeben, Peking zur "Tiyu Zhidu", zur Hauptstadt des Sports zu machen. Sonderlich originell oder gar umweltpolitisch nachhaltig ist es nicht, was als olympisches Erbe bleibt. Kein Hahn kräht mehr danach, dass Peking einst angetreten war, die "besten Spiele aller Zeiten" zu inszenieren und auf Dauer für bessere Luft zu sorgen. (Johnny Erling aus Peking, DER STANDARD Printausgabe 05.06.2009)

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    Das Vogelnest ist zu einem Wahrzeichen Pekings geworden. Es liegt im Norden der Stadt und sehr oft im Smog.

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