Sezierte Metamorphosen archaischer Texturen

4. Juni 2009, 18:56
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Introspektive Details als Plädoyer für die Bewahrung der Natur

Zwei kürzlich erschienene Fotobände bieten exzellente Einblicke sowie exzentrische Erkenntnisse über die archaische Welt und opulente Schönheit des Universums.

Mit verborgenen Details setzt sich der Fotograf Volkhard Hofer auseinander. Wunder Welt ermöglicht eine faszinierende Reise an Orte, die an den Schöpfungsakt der Natur herangehen, legt, sezierend, Strukturbeschaffenheit und Metamorphosen diverser natürlicher Materialien dar. In sogenannten "Natural Graphics" erfährt der Betrachter Strukturen, Zeichnungen, Formationen von Gesteinen, Rinden, Hölzern, Flechten, Wasser zu erkennen sowie Fährten der Umweltveränderung zu lesen. Rätselhafte Texturen, die die Elemente Wasser, Wind oder Feuer im Laufe der Jahrtausende geprägt haben, werden Schicht für Schicht in sinnlichen Farben und Formen deutbar. Die Fragilität und wundersame Einzigartigkeit unseres Globus verzaubert Hofer zu archaischen Bildern opulenter Unbegreiflichkeiten. An moderne Kunst gemahnen, en detail betrachtet, Naturschauspiele wie Gletschereis, das im Moment der Schmelze fantastische Formen und Farbspektren freigibt, die schillernde Oberfläche von Millionen Jahre alten versteinerten Hölzern, versteinerten Blättern, zerklüfteten Felsen, die Rinde von Palmen oder eines Eukalyptusbaumes, die in Nahaufnahme wie zerklüftete Felsen wirken, das Gefieder eines Pfaus, dessen Textur wie Pailletten eines Abendkleides anmutet, oder Elefantenhaut, die sich kaum von der Tektonik vulkanischer Stricklava unterscheidet. Erratische Geflechte, rhythmische Spaltenbrüche, abstrakte Graphiken, bizarre Verflechtungen, absorbierte Lichtspektren, klare Diagonalen, abstrahierte, transparente Einschlüsse und exzentrische Gravuren ergeben Charakteristik und Anmutung von Ewigkeit. Eine kontemplative Hommage an die bedrohte Schönheit.

Einen Blick in das Innenleben der Natur bietet aus wissenschaftshistorisch relevanter Perspektive Fotografie und das Unsichtbare 1840-1900. Fotografie war seit ihrer Erfindung Werkzeug der Wissenschaft: Wissenschaftler benutzten beim Fotografieren Mikroskope, Teleskope, Röntgenapparate, fingen damit Bilder aus bisher verborgenen Bereichen des unendlich Kleinen und des unvorstellbar Großen ein. Das Buch versammelt früheste Mikrodaguerreotypien, Aufnahmen von Henry Fox Talbot, Auguste-Adolphe Bertsch, Jules Janssens Chronofotografien, Bewegungsstudien von Edward Muybridge und Étienne-Jules Marey, Röntgenbilder von Josef Maria Eder und Eduard Valenta, sowie sogenannte Geisterfotografien von Louis Darget und Interferenzfarbfotografien nach dem Verfahren des Nobelpreisträgers Lippmann. Diese introspektiven, exzentrischen Manierismen erfindungsreicher Forscher legen Zeugnis ab von bislang verborgener Natur- und Kulturgeschichte. (Gregor Auenhammer, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5. Juni 2009)

V. Hofer: "Wunder Welt", 240 S., € 58,00, Brandstätter Verlag 2009.

C. Keller (Hg.): "Fotografie und das Unsichtbare", 240 S., € 49,90, Brandstätter Verlag, Wien 2009.

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