"Kinder werden in der Natur immer ungeschickter"

4. Juni 2009, 19:00
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Welche Gefahren die Umwelt und ihr Verständnis bedrohen - und warum wir gestaltete Wildnis brauchen - Der Generaldirektor des Naturhistorischen Museums Bernd Lötsch im Gespräch mit dem STANDARD

STANDARD: Bei den Diskussionen über die Qualität unserer Umwelt geht es meistens um einen sehr statischen, ja idyllischen Naturbegriff. Tatsächlich hat es in der Natur von innen heraus und durch äußere Einflüsse immer schon eine enorme Dynamik gegeben. Welche Faktoren spielen heute eine Hauptrolle?

Lötsch:  Das wachsende Umweltverständnis war zunächst präventiv-medizinisch: Wir brauchen sauberes Wasser, reine Luft und Nahrung. Klassische Naturschützer wurden belächelt, die Bedeutung von Wildnis und Artenvielfalt erst langsam verstanden. Mittlerweile haben wir sechs Nationalparks, nun Stolz und Image eines umweltfreundlichen Landes "als Dachgarten Europas". Artenvielfalt überlebt nur im Ensemble, Indikator für Umweltqualität.

STANDARD: Das ist das Erfreuliche. Die negativen Faktoren?

Lötsch:  Der an den Gletschern ablesbare Klimawandel und die Schwächung der Ozonschicht. Denn das sind die größten Experimente, die der Mensch je an sich und seiner Umwelt vollzog. Prompt reagieren Lobbys mit falschen Alternativen. Zum Beispiel mit der Nuklear-Nostalgie, von der EU kräftig angeheizt.

STANDARD: Aber es gibt die durch die Klimakrise ausgelösten Anstrengungen bei der Abgasreduktion.

Lötsch:  Immerhin als Lippenbekenntnis. Bis vor kurzem galt noch das Bonmot: Wenn die US-Umweltbehörde verschärfte Abgaslimits verhängt, stellt die US-Autoindustrie 100 Juristen an, um sie anzufechten - und die japanische 100 Ingenieure, um sie zu erfüllen. Die Auswirkung: Japanische Marken, früh genug umgestellt, trotzen heute der Wirtschaftskrise, GM liegt am Boden - durch falsche Typenpolitik.

STANDARD: Die von Ihnen erwähnten Nationalparks sind umgeben von Übergangszonen. Was sind dort die Chancen und Gefahren - auch wirtschaftlich?

Lötsch:  Rund um die Nationalparks profitiert man inzwischen durch sanften Tourismus und Imagegewinn für die Vermarktung spezieller landwirtschaftlicher und gewerblicher Produkte. Der schnelle Gewinn ist dort jedoch nicht zu erzielen, weshalb der Widerstand gegen die Nationalparks bei technischen Erschließern weiter besteht - von Skizirkusplanern bis Kraftwerksprojektanten.

STANDARD:Und die politischen Auswirkungen?

Lötsch:  Die Nationalparks und Naturdenkmäler sind fast durchwegs Ergebnis beherzter Widerständler - ihren Revolten gegen die Ersäufung des mittleren Kamptals, Dorfertals und der Reichraminger Schlucht, gegen Beileitung der Krimmler Ache und der Umbalfälle sowie gegen Stauungen an Enns und Donau verdanken wir die Nationalparks Hohe Tauern, Kalkalpen, Gesäuse und Donauauen. Die heroische Aubesetzung behielt letztlich durch die Höchstgerichte recht - doch der Nationalpark wurde erst durch die Großaktion "Natur freikaufen" mit 120.000 Spendern erzwungen - auch ein Stück Demokratiegeschichte.

STANDARD: Eben wurden Zahlen publiziert, dass durch eine seit 2003 laufende gigantische Freikauf-Initiative im brasilianischen Amazonas die bisher effizienteste Unterschutzstellung geschehen konnte.

Lötsch: Viel Courage bewies auch Professor Michael Schnitzler, der Enkel Arthur Schnitzlers. Er kaufte eine bedrohte Tropenwald-Halbinsel in Costa Rica - heute Nationalpark. Die Idee kam ihm durch unseren Auenfreikauf.

STANDARD: Eine neue Interpretation von Eigentum. Wie das? Die Aubesetzer waren ja für Teile der Öffentlichkeit linke Chaoten.

Lötsch:  Nichts ist bei uns höher geschützt als Privateigentum. Enteignet wird nur für Straßen und Kraftwerke. Fordert man dies für die Natur, gilt man als zähnefletschender Bolschewik. So mussten wir das System mit seinen eigenen Waffen schlagen: Kaufen statt raufen - besitzen statt besetzen. Natur ist auf Dauer nicht gratis.

STANDARD: Beschleunigung und rasche Veränderung sind weitere Faktoren, die Schutz nahelegen.

Lötsch:  Die rasante Verfremdung der Umwelt überfordert das uralte Menschenwesen bis hin zu Neurosen. Psychologen sprechen vom "Naturverlustschock des Industriemenschen". "Was kränkt, macht krank", meinte Erwin Ringel treffend. Naturerleben hingegen normalisiert Blutdruckwerte und löst Spannungen.

STANDARD: Führt die moderne Lebenswelt nicht auch zu Kollisionen? Zwischen den Kreisläufen in der Natur und den linearen Abläufen der Berufswelt?

Lötsch:  Viele Städter kennen den Wandel der Natur und den Sternenhimmel kaum. Und die Kinder? Züchten wir nicht Computer- Autisten und Techno-Hybriden, die der unverstandenen Natur alsbald den Rest geben müssten? Wir merken das ja auf Wandertagen. Einerseits schlummert in jedem Sechsjährigen noch ein Steinzeit-Jäger - fasziniert von Feuer, Wasser, Gatsch und Getier -, andererseits schiebt sich die Elektronik massiv zwischen Mensch und Naturerleben. Kinder werden immer ungeschickter, im Freiland hilflos. In Tests nennen Jugendliche sechs, acht Wildtierarten - jedoch 30 Automarken.

STANDARD: Also mehr von diesen Erlebnisexkursionen.

Lötsch:  Dazu schulen wir Freilandpädagogen. Wir brauchen auch "gestaltete Wildnis" - zum Beispiel Gehegezonen im Vorfeld von Nationalparks.

STANDARD: Unterschätzt wird die Rolle der Stimmen und Klänge in der Natur, die mit den Kopfhörern weggeschaltet werden.

Lötsch:  ... der Zauber von Nachtwanderungen. Unsere Ranger ziehen eine Vogelschwinge brausend durch die Luft und dann eine andere. Diese bleibt lautlos, sie stammt von der Eule.

STANDARD: Wenig Verständnis gibt es nach wie vor zwischen Erlebnistouristen und Jägern oder Fischern.

Lötsch: Jäger verstehen sich als Naturfreunde und Touristen als Beunruhiger. Die Scheu der Tiere entsteht aber durch Jagd. In Nationalparks, wo jahrzehntelang kein Schuss fiel, sind sie völlig vertraut. Ein pirschender Jäger, Wildfotograf oder ausharrender Fischer kann die Brut von Wasservögeln dauerhafter stören als eine durchziehende Schulklasse mit Radio.  (Gerfried Sperl, DER STANDARD, Printausgabe, 5.6.2009)

Zur Person

Bernd Lötsch (67) studierte Biologie und Chemie, kämpfte für lebenswerte Städte, gegen Bleibenzin, gegen Atomkraft, für Biolandbau und Donauauen. Seit 1994 Generaldirektor des Naturhist. Museums Wien.

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