Es lebe der Schrott!

4. Juni 2009, 18:37
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Plädoyer für die Ausweitung der Umweltprämie - Von Günther Schatzdorfer

Als Fußgänger freut es mich ganz besonders, dass es dem Autohandel wieder besser geht, weil der Neuwagen-Verkauf zweistellige Zuwachsraten hat. Denn selbst ein Verkehrsrowdy passt auf ein neues Auto mehr auf als auf einen Schrottkübel, weil er keine Delle in der Metallic-Lackierung mag - und sei's auch nur von einem Fußgänger. Auch Arbeitsplätze werden dadurch gesichert, zumindest jene im Kuratorium für Verkehrssicherheit und im Bundesamt für Feinstaub-Messung.

Auch Möbelhäuser haben den wirtschaftlichen Wert der Wegwerf-Kultur erkannt und bieten deftige Preisnachlässe beim Kauf einer neuen Bettstatt, wenn man aus der alten Kleinholz macht, bevor sie unter der Wucht der Frühlingsgefühle zusammenbricht. Auch in dieser Branche ist von einer "Verschrottungsprämie" die Rede - ein Begriff, aus dem endlich klar hervorgeht, dass der Eichenschrank aus allem Möglichen besteht, nur nicht aus Holz.

Man sollte dieses Prinzip der Wirtschaftsförderung in unserer von Krisen geschüttelten Zeit konsequent anwenden. Auch den Druckereien geht es schlecht. Dabei sind sie die Einzigen, neben den Buchvertretern, die noch an der Literatur verdienen. Es wäre aus mehreren Gründen empfehlenswert, eine Verschrottungsprämie für Bücher anzudenken. Die Umsätze des Buchhandels würden sprunghaft ansteigen, wenn jeder, der ein Buch besitzt, das älter als fünf Jahre ist, dieses in eigens dafür aufgestellten Altpapiercontainern entsorgt und sich ein neues kauft, wofür der Buchhandel eine stattliche staatliche Prämie erhält. Dies würde auch zur geistigen Durchlüftung miefiger Bibliotheken führen. Weg mit den intellektuelle Energie vergeudenden, düsteren Schriften eines Sartre oder Camus! In den Reißwolf mit den Wälzern von Marx und Adorno, welche den klaren Geist der freien Marktwirtschaft verpesten! Auf den Komposthaufen mit den moralischen Drogen von Rimbaud, Novalis und Baudelaire, welche die Seele trunken machen! Und ab in den Sondermüll mit der Suizid-Literatur von Goethe bis Hemingway!

Eine neue Generation von Autoren und Lesern wird heranwachsen, denen der Kopf nicht mehr, schwer von schwülstigen Theorien, müde aufs Kinn sinkt, sondern die erfüllt von schadstoffarmen Gedanken geistige Höhenflüge erleben.

Auch die Politiker selbst werden sich das Prinzip der Umweltprämie zu eigen machen. Die Bezüge jener Parlamentarier sollten erhöht werden, die unter notarieller Aufsicht ihre veralteten Gesetzes-Entwürfe verheizen. Vielleicht wird die Demokratie dann wieder zu einer erneuerbaren Energieform. (Günther Schatzdorfer, DER STANDARD, Printausgbe, 5.6.2009)

Zur Person

Günther Schatzdorfer (57), Schriftsteller und Maler, lebt in Wien und Duino bei Triest.

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