"Eine Allianz mit der Natur eingehen"

4. Juni 2009, 18:22
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Naturkatastrophen erinnern uns an die Naturmächte, sagt der deutsche Philosoph Gernot Böhme - sie rücken ein Bild von der Natur zurecht

Die Natur ist größer als der Mensch, doch sie ist bis an die Grenzen belastet, sagt der Philosoph Gernot Böhme. Über die Wandlungen des Naturbegriffs sprach er mit Stephan Hilpold.

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Standard: Wir haben heute einen sehr positiv geprägten Begriff der Natur. Warum ist das so?

Böhme: Der Naturbegriff steht seit der Antike im Gegensatz zum Begriff der Technik und jenem der menschlichen Ordung. Als es in der Neuzeit zu einer Überregulierung des städtischen und höfischen Lebens kam, wurde die Natur als ein Bereich der Freiheit und des Ursprünglichen entdeckt und zu einem positiv besetzten Refugium.

Standard: War das eine Folge der Romantik, die eine besonders idealisierte Auffassung der Natur hatte?

Böhme: Nein, die Aufwertung der Natur können wir bereits seit der Renaissance beobachten. Im 18. Jahrhundert hat man sogar einen Gottesbeweis aus dem Anblick der Natur gewonnen. Die Mechanik Newtons konnte die Schönheit der Natur nicht erklären. Das nahm man als Beweis für das Wunder der Schöpfung.

Standard: Definiert sich unsere Zivilisation am Grad der Naturunterwerfung?

Böhme: Bis zu einem gewissen Punkt. Allerdings birgt der Nutzen, die Natur zu beherrschen, oft einen Schaden in sich. Nehmen wir das Insektenbekämpfungsmittel DDT, das im Kampf gegen Insekten gute Dienste verrichtete. Es stellte sich heraus, dass es ein Nervengift ist, das auf den Menschen zurückschlägt und riesige Schäden in der Natur anrichtete.

Standard: Umweltkatastrophen als ein notwendiges Korrektiv?

Böhme: Das würde ich so nicht behaupten. Sicher ist, dass sie unser Leben einschneidend verändert haben. In meinen Jugendjahren war es noch selbstverständlich, dass Sonnenlicht etwas Gutes ist. Heute kriegt man in Australien in den Nachrichten mitgeteilt, wie vielen Minuten Sonne man sich täglich aussetzen darf. Oder der Umgang mit Müll: Früher wurde er dem großen Kreislauf der Natur zurückgegeben. Das ist heute undenkbar. Die Natur ist bis an die Grenze ihrer Reproduktionsfähigkeit belastet.

Standard: Aus der Mutter Natur wurde die schützenswerte Natur?

Böhme: Mit guten Gründen und bis heute lässt sich behaupten, dass die Natur größer ist als der Mensch. Genau das drückt sich im Bild von der Natur als Mutter Erde aus. Doch das Ausmaß der menschlichen Beeinflussungen ist so groß geworden, dass man sich auf das Größersein der Natur nicht mehr verlassen kann. Naturkatastrophen erinnern uns an die Naturmächte und rücken dieses Bild zurecht. Bereits Goethe hat sich dagegen gewehrt, dass die Natur stets das Gute und Schöne ist.

Standard: Wir setzen heute alles daran, Naturkatastrophen zu beherrschen.

Böhme: In ihrer Zahl und in ihren Auswirkungen haben sie aber zugenommen. Das liegt daran, dass Menschen leichtsinniger geworden sind. Sie siedeln sich in gefährlichen Gebieten an - in Erdbebengebieten etwa oder unter dem Meeresspiegel. Wir glauben, die Technik schützt uns, und begeben uns so in Gefahr.

Standard: Sind wir an das Ende der Naturbeherrschung gelangt?

Böhme: Ja, aber das ist eine politisch-moralische Feststellung. Wir müssten zur Idee der Allianztechnik übergehen, wie sie von Ernst Bloch gefordert wurde. Damit ist gemeint, dass wir eine Allianz mit der Natur eingehen, die nicht auf Naturbeherrschung gründet, sondern auf einer Kooperation mit ihr.

Standard: Bemerken Sie Anzeichen dafür?

Böhme: Durchaus. Dieser Gedanke hat sich bis in die höchsten Ebenen der Politik durchgesetzt. Man bemerkt das auch am großen Misstrauen gegenüber technischen Entwicklungen. Es ist heute Allgemeingut, dass jede technische Entwicklung ambivalent zu sehen ist.

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5. Juni 2009)

Zur Person

Gernot Böhme (72) wurde durch seine Arbeiten zur ökologischen Naturästhetik bekannt. Er ist Direktor des Instituts für Praxis der Philosophie in Darmstadt.

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    Naturkatastrophen erinnern uns an die Naturmächte, sagt der deutsche Philosoph Gernot Böhme. Sie rückten das Bild von der guten und schönen Natur zurecht.

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