"Wir müssten mehr und gezielter geben"

4. Juni 2009, 18:08
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Bei genauerer Betrachtung spielt die Umwelt eine entscheidende Rolle für Migrationen, sagt die Nachhaltigkeitsforscherin Jill Jäger

Über ihre neueste Studie sprach sie mit Mia Eidlhuber.

Standard: Seit wann beschäftigt sich die Forschung mit dem Phänomen der Migration aufgrund von Umweltproblemen?

Jäger: Die erste Publikation zu "Umweltflüchtlingen" gab es in den 1970ern. Das war damals vor allem ein Thema für Umweltforscher und weniger- als für Migrationsforscher. Erst kurz gibt es einen Zusammenschluss der Disziplinen. Wir haben gerade für die EU 23 Fallstudien gemacht, hauptsächlich in Entwicklungsländern. Dabei fragten wir, warum Leute auswandern und ob Umwelt eine Rolle spielt.

Standard: Zu welchen Ergebnissen sind Sie gekommen?

Jäger: Dass die Gründe für Migration vielschichtig sind. Kaum jemand nennt zuerst "Klima" als Migrationsgrund, sondern immer "Geld" . Wenn man genau hinsieht, spielt die Umwelt aber eine entscheidende Rolle. Wir haben auch verschiedene Szenarien entwickelt, wie die Welt unter bestimmten Voraussetzungen aussehen könnte. Herauskam: In einer Welt, die von Sicherheitsdenken und Abgrenzung bestimmt wird, ist das Potenzial für Migration am größten und die Umwelt am meisten gefährdet.

Standard: Muss die so genannte "Dritte Welt" muss ausbaden, was die erste verursacht?

Jäger: Absolut. Umweltveränderungen werden vor allem von den Industriestaaten verursacht. Und sie finden dort statt, wo die Not ohnehin schon am größten ist.

Standard: Unterscheiden Sie eigentlich zwischen Natur- und Umweltkatastrophen?

Jäger: Nicht wirklich. Denn dass es heute mehr Stürme oder Überflutungen gibt, hat zumeist mit menschlichen Aktivitäten zu tun. Dazu kommt, dass Umweltveränderungen heute schneller passieren. Früher konnten sich die Menschen anpassen, heute funktioniert das oft nicht mehr.

Standard: Haben Sie auch gesellschaftspolitische Folgen erhoben?

Jäger: Ja, in Bangladesch z.B. haben wir gesehen, dass Frauen nach den ersten Katastrophen-Hilfsaktionen oft verschleppt und zur Prostitution gezwungen werden. Man muss Menschen, die umgesiedelt werden, die Möglichkeit geben, Geld zu verdienen.

Standard: Sind Umweltkatastrophen ein Asylgrund?

Jäger: Nein, aber das wird derzeit heftig diskutiert. "Flüchtlinge" sind politisch Verfolgte, der Begriff "Umweltflüchtling" ist also falsch. Die Flüchtlingskonvention zu ändern, wäre ein Fehler. Es ist ein Menschenrechtsthema – wenn klar wird, dass Emissionen aus den Industrieländern verantwortlich sind, dass das Leben von Menschen gefährdet ist.

Standard: Haben Sie noch andere Empfehlungen?

Jäger: Ja. Die Entwicklungsländer müssten Nachhaltigkeit fördern, um resistenter zu werden. Da gibt es viele Möglichkeiten, z.B. nachhaltige Landwirtschaft einzuführen, die Exportpolitik zu überdenken oder Vorräte anzulegen. Die Länder haben große Nachteile, weil die Märkte nicht offen sind. Die Industriestaaten versprechen, Entwicklungsgelder zu erhöhen, tun es aber nicht. Wir müssten mehr und gezielter geben, damit die Leute sich selbst unterstützen können. Wir dürfen nicht sagen: Migration ist schlecht. Migration ist wichtig. Leute, die auswandern, lassen Geld zurückfließen. Migration ist nur schlecht, wenn es keine Alternative gibt.

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5. Juni 2009)

Zur Person

Jill Jäger ist seit 1979 wissenschaftliche Beraterin für nat. und int. Institutionen zum Thema Nachhaltigkeit. 2004-2008 Senior Researcher am Sustainable Europe Research Institute (SERI) in Wien.

  • Artikelbild
    foto: matthias cremer
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