Die Krise nicht verschwenden

4. Juni 2009, 18:05
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In Energie investieren, fordert Nebojsa Nakicenovic - Der renommierte Energieökonom hält Effizienz für den Königsweg, Verschrottungsprämien für sinnlos

Laxenburg - Eine Billion. Vor einem Jahr nahm Nebojsa Nakicenovic dieses Wort oder das englische "trillion" lieber nicht in den Mund. Um der Zahl mit den zwölf Nullen, - also 1,000.000.000.000 - etwas von ihrem Schrecken zu nehmen, sprach er von Tausend Milliarden. Doch seit Ausbruch der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise sei man gegenüber Milliardenwerten schon etwas abgestumpft.

Eine Billion Euro also, sagt der an der TU Wien lehrende und am Internationalen Institut für angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg forschende Energieökonom, müsse die Welt jährlich in ihr Energiesystem stecken. Das entspricht knapp zwei Prozent der globalen Wirtschaftsleistung. Nur so lasse sich die Versorgung der nächsten dreißig, vierzig Jahre sichern. Nur so bestehe eine reelle Chance, die globale Erwärmung auf zwei Grad zu begrenzen.

Falsche Sparsamkeit

Tatsächlich belaufen sich die Investitionen nur auf 300 bis 500 Milliarden Euro. Und ein guter Teil davon geht derzeit in den Bau konventioneller Kohlekraftwerke, dieser Dreckschleudern. Die bestehenden Versorgungsnetze sind weder auf Energiehandel noch die Einspeisung erneuerbarer Energien eingestellt. Die Raffinerien sind veraltet. Selbst die Ölfirmen investieren weniger als früher.

Energie ist ein langfristiges Geschäft, sagt Nakicenovic. Zweistellige Renditen, wie sie die Finanzwelt in den letzten Jahren erwartete, lassen sich da nicht verdienen. Das andere Problem sei, dass die Energiebranche gewohnt sei, groß zu denken. Ein Kraftwerk mit einem Gigawatt Leistung ist etwas ganz anderes als der Bau und Betrieb von 1000 Windrädern.

Zurück zur Investitionslücke. Sie ließe sich ungefähr halbieren, würde man die Subventionen umleiten, erklärt Nakicenovic. Im Klartext: Rund 300 Milliarden Euro werden jährlich weltweit ausgegeben, um Energie billiger herzugeben, als sie kostet. Dieses Geld zu investieren wäre sinnvoller.

Die Probleme im Energiebereich seien eigentlich lange bekannt. Trotzdem habe sich wenig getan. Nun ist Nakicenovic zuversichtlich, dass sich etwas ändert. Nicht trotz sondern wegen der Krise: "Wie die Chinesen sagen: Eine Krise ist sowohl Bedrohung als auch Gelegenheit. Wir dürfen diese Krise nicht verschwenden."

Keine Verschrottungsprämie

Für Konjunkturpakete sind weltweit vier bis zehn Billionen Euro im Gespräch. Damit ließe sich eine Menge bewegen. Vorausgesetzt, das Geld werde nachhaltig investiert und nicht in Verschrottungsprämien. "Das neue Auto mag um zehn Prozent weniger Emission abgeben, aber diese zehn Prozent braucht es, um das neue Auto zu bauen. Unterm Strich ist man bei null" , rechnet Nakicenovic vor.

In der EU sieht er bisher wenige Zeichen, dass die Konjunkturspritzen in die richtige Richtung gehen. Optimistisch ist der TU-Professor, was die USA betrifft. Denn dort sind zwei Kollegen, mit denen er schon zusammen geforscht und veröffentlicht hat, in wichtige Schaltstellen gerückt: Physik-Nobelpreisträger Steven Chu ist Energieminister und sein Physiker-Kollege John Holdren Wissenschaftsberater des Weißen Hauses.

Kritisch sei aber, was in Asien passiert. Nakicenovic lobt Südkorea, das massiv auf erneuerbare Energien setzt. Selbst von China erwartet er positive Schritte. "China hat das ambitionierteste Ziel bei der Energieeffizienz. Gut, sie werden es nicht erreichen, aber wir werden unser Kioto-Ziel auch verfehlen." Ein chinesischer Kollege habe kürzlich im Politbüro vier Stunden lang über Energieeffizienz referiert. Und dann noch einmal vier Stunden über Klimaschutz. Dass sich Regierende so viel Zeit nehmen, sei hier undenkbar.

Energieeffizienz ist für Nakicenovic der Königsweg. Einfach, weil sich damit vieles zugleich erreichen lässt: Weniger Abhängigkeit von importierten Energieträgern, mehr Sicherheit in der Versorgung, reduzierte Emissionen. Danach kommen für ihn die erneuerbaren Energien. Auch fossile Energien werden noch auf Jahrzehnte zum Mix gehören.

Erdgas zur Überbrückung

"Ich bin nicht gegen Gas, Öl und Kohle, sondern nur gegen die Emissionen." Nakicenovic sieht vor allem Erdgas als "Überbrückungsenergieträger, bis die erneuerbaren soweit sind" . An der technischen Machbarkeit des Trennens und Einlagerns von Kohlendioxid zweifelt er nicht, befürchtet aber die noch nicht absehbaren Folgen. Darin sieht er Parallelen zur "Kernenergie in den Sechzigern, als niemand von der Lagerung der Spaltstoffe redete. Oder wie es am Anfang keinen Widerstand gegen Windräder gab."

Grundlage seiner Überlegungen ist das "Global Energy Assessment" , ein Weltenergiebericht, der unter seiner Koordination von Dutzenden Forschern und Experten aus Industrie und Politik erarbeitet wird. Vorbild dafür sind die vier Weltklimaberichte, an denen auch Nakicenovic mitgeschrieben hat. Die wissenschaftliche Kontroverse wird Teil der Analyse.

Im Unterschied zum Weltklimarat (IPCC) sei das GEA aber keine von den Regierungen getragene Struktur, sondern unabhängiger. So könne es deutlichere Empfehlungen aussprechen. Relevanz für Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft sei schließlich das Ziel. Abgeschlossen sein soll der Weltenergiebericht 2010, bevor die Arbeit am nächsten Weltklimabericht richtig losgeht. Erstmals präsentiert werden Zwischenergebnisse des GEA beim Global Forum on Sustainable Energy am 22. bis 24.Juni in der Wiener Hofburg. (Stefan Löffler, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5. Juni 2009)

  • "China hat das ambitionierteste Ziel bei Energieeffizienz. Gut, sie
werden es nicht erreichen, aber wir werden unser Kioto-Ziel auch
verfehlen."
    foto: c. fischer

    "China hat das ambitionierteste Ziel bei Energieeffizienz. Gut, sie werden es nicht erreichen, aber wir werden unser Kioto-Ziel auch verfehlen."

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