Toben hilft nicht

4. Juni 2009, 17:43
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Wenn die Krise zuschlägt, ist Ideologie obsolet - Von Leo Szemeliker

Wenn die Krise zuschlägt, ist Ideologie obsolet. Auch ein ausgewiesen "roter" Unternehmer wie Hannes Androsch macht mit Stellenabbau weiter. 300 Menschen verlieren beim Leiterplattenhersteller AT&S in Leoben ihren Job. Der Entrüstungssturm tobt: Steirische Arbeiterkammer, Gewerkschaftsbund und Sozialdemokratische Partei werfen dem SP-Finanzminister unter Bruno Kreisky das schlimmste Schimpfwort, das den Genossen einfällt, an den Kopf: "Neoliberaler". Pikanterweise stimmt auch der VP-Wirtschaftsbund in den roten Chor ein, auch für die Schwarzen ist "die Heuschreckenpolitik" ganz böse.

Doch Kampfrhetorik kann den Nachfrageabfall nicht stoppen. Wenn man die Fakten betrachtet, muss man sagen: Was soll das Unternehmen sonst tun? Augen zu und durch? Das würde nicht gutgehen. Die Branche hat ein veritables Nachfrageproblem: Europas Handyindustrie - also Nokia - muss laufend Marktanteile an Asien abgeben, der Großabnehmer Autoindustrie ist in der schlimmsten Krise bisher.

Das Leiterplatten-Business leidet schon seit Jahren unter extremem Preiswettbewerb. Seit längerem wird deswegen die Produktion der "dummen" Platten, also jener, die in Massen gepresst werden, in Europa geringer. In Asien, wo die Löhne der Arbeiter einen Bruchteil betragen, wird dafür eine Fabrik nach der anderen hochgezogen. Außerdem werden Entwicklungszyklen kürzer und kürzer: Eine heute neue Platte, noch kleiner als das Vorgängermodell, ist in einem halben Jahr schon wieder überholt.

Nun könnte man AT&S vorwerfen, die Krise als Vorwand zu nutzen, um ihre Strukturprobleme zu bereinigen. Ist die Nachricht über Job-Cuts in Leoben doch lediglich eine von vielen ähnlich lautenden. Fakt ist: Die Krise nimmt jeden Spielraum, jede Chance auf Abwarten. Klar wird aber auch: Hoffnung und öffentliche Gelder in "dumme" Massenfertigung zu stecken, die nur mehr Know-how-extensiv ist, ist vergebens. Da nützt kein Toben - sondern nur fokussiertes Arbeiten am Ausbau eines verlässlich gut produzierenden Hochtechnologiesektors im Land. (Leo Szemeliker, DER STANDARD, Printausgabe, 5.6.2009)

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