"Unsere selbstsüchtige Generation"

4. Juni 2009, 17:12
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Friedensnobelpreisträgerin Wangari Maathai: Wirtschaftskrise ist für viele Regierungen Ausrede, den Umweltschutz zu vernachlässigen

Die Wirtschaftskrise ist für die Regierungen vieler Entwicklungsländer eine Ausrede, den Umweltschutz zu vernachlässigen, sagt Friedensnobelpreisträgerin Wangari Maathai im Gespräch mit Julia Raabe.

STANDARD: Sie sagen, ökologische Nachhaltigkeit sei wichtiger als die anderen UN-Millenniumsziele. Wie kann Umweltschutz über dem Kampf gegen Armut, Hunger und HIV/Aids stehen?

Maathai: Wenn man sich nicht um die Umwelt kümmert, können alle anderen Millenniumsziele nicht erreicht werden. Die Ziele hängen stark davon ab, über welche Ressourcen man im eigenen Land verfügt. Es ist wichtig, zu verstehen, dass man die Ziele nicht erreichen kann, wenn man mit den Ressourcen nicht verantwortungsvoll umgeht und sie nicht gerecht verteilt.

STANDARD: Etwas konkreter, bitte.

Maathai: Wenn man seinen Wald jetzt nicht schützt, wird man in der Zukunft kein Wasser haben. Natürlich mag es noch 20, 30, vielleicht sogar 100 Jahre lang dauern, bis die Flüsse austrocknen. Aber es wird nicht weniger wichtig sein für die nachfolgenden Generationen, die ohne Wasser oder ohne Essen auskommen müssen, weil das Land zerstört worden ist, oder die in einer verschmutzen Umwelt leben.

STANDARD: Kritiker sagen: Umweltschutz ist etwas Langfristiges – Hunger und Armut müssen aber sofort reduziert werden.

Maathai: Umweltschutz mag etwas Langfristiges sein für unsere selbstsüchtige Generation, die alles auf Kosten von allen anderen tun will. Aber als Menschen, die sich um unsere Kinder und Enkel sorgen, müssen wir langfristig denken – und nicht immer nur daran, wie wir selbst als Generation profitieren können.

STANDARD: Sie betonen immer wieder, dass afrikanische Staaten ihre eigenen Lösungen finden müssen. Ist das überhaupt möglich bei solch einem globalen Thema?

Maathai: Wer sonst soll Lösungen finden außer den Menschen, die in Afrika leben? Wie kann man von anderen Leuten erwarten, dass sie Lösungen für uns finden? Wir haben Freunde, die uns helfen können. Sie können uns Geld leihen, Technologie verfügbar machen, aber niemand wird uns die Arbeit abnehmen.

STANDARD: Was also heißt das für den Umweltschutz?

Maathai: Die Lösungen sind eng mit guter Regierungsführung verknüpft. Schlechtes Regieren ist einer der Gründe, warum wir mit unserer Umwelt so schlecht umgegangen sind. Hier geht es um grundlegende Ressourcen: die afrikanischen Länder sind stark von Rohstoffen abhängig. Es ist an den Regierungen in Afrika zu entscheiden, die Umwelt zu schützen – und sie müssen die Bürger ermutigen, das umzusetzen.

STANDARD: Beispiel Klimawandel: Die afrikanischen Staaten haben ihn nicht verursacht, sind aber von den Folgen besonders betroffen.

Maathai: Natürlich ist internationale Zusammenarbeit notwendig. Ich bin Goodwill-Botschafterin für den Regenwald im Kongobecken. Dieser Wald ist mit dem Amazonas-Regenwald und den Regenwäldern Südostasiens extrem wichtig zur CO2-Senkung. Die Staatengemeinschaft sollte die Regierungen in der Region unterstützen, die Wälder zu schützen. Außerdem holzen internationale Unternehmen den Kongo-Wald ab, nicht lokale Leute.

STANDARD: Sind sie dafür, dass die Industriestaaten Afrika Entschädigungen oder Finanzhilfen zukommen lassen, weil sie für den Klimawandel verantwortlich sind?

Maathai: Das unterstütze ich. Es wäre wichtig, Finanzmechanismen einzurichten, um den Regierungen beim Schutz der Wälder zu helfen. Nehmen wir das vorherige Beispiel: Viele Regierungen erlauben internationalen Unternehmen die Abholzung, um Einkünfte zu generieren. Damit sie die Bedürfnisse ihrer Nation decken können. Wenn diese Regierungen keine Hilfe erhalten, werden sie das Abholzen weiter erlauben.

STANDARD: Was heißt das in Zahlen – wie viel finanzielle Unterstützung sollten die Industriestaaten leisten?

Maathai: Ich habe keine Zahlen. Von dem Geld, das wir für den Kongo wollten, haben wir bisher nur zehn Prozent erhalten, von Großbritannien und von Norwegen.

STANDARD: In Zeiten der Finanzkrise halten sich viele Regierungen zurück mit finanziellen Zusagen. Fürchten Sie, dass die ökonomische Krise die ökologische verdrängt?

Maathai: Viele entwickelte Länder haben Glück, weil sie gut informierte Bürger haben, die Druck auf ihre Regierungen ausüben, eine gute Umweltpolitik zu machen. Aber in den Entwicklungsländern brauchen die Menschen Arbeit und viel unmittelbare Unterstützung. Sie wissen wenig über die Auswirkungen wirtschaftlicher Entwicklung auf die Umwelt. Die Wirtschaftskrise ist für die Regierungen eine willkommene Ausrede, weiterzumachen und sich nicht zu sehr um die Umwelt zu scheren.

STANDARD: Wie lassen sich Wirtschafts- und Umweltinteressen vereinbaren?

Maathai: Es ist eine Frage des Gleichgewichts. Die Entwicklungsstaaten müssen sich entwickeln. Aber wenn es nicht auf nachhaltige Weise geschieht, ist der Fortschritt von kurzer Dauer. Noch bevor die Staaten es merken, werden sie Rückschritte machen, weil sie die Grundlage zerstört haben, von der ihre Zukunft abhängt. Die Entwicklungsländer können es sich nicht leisten, auf eine kohlenstoffdioxidreiche Industrie zu setzen. Sie haben weder die Ressourcen noch die Möglichkeiten, den Schaden gutzumachen, der entsteht, wenn wir so weitermachen.

STANDARD: Was erwarten Sie von der Klimakonferenz in Kopenhagen?

Maathai: Ich bin voller Hoffnung. Wir arbeiten an einem Appell, der die Regierungen dazu bringen soll, die Regenwälder als wichtigen Teil der Lösung zu betrachten. Wir hoffen, dass es in Kopenhagen zu einer einstimmigen Entscheidung kommt.

STANDARD: Nationale Interessen stehen in den Verhandlungen allerdings weiterhin im Vordergrund.

Maathai: Kein Zweifel. Aber wir hoffen alle, dass sie zugunsten des Allgemeinwohls zurückgestellt werden. Wenn die Regenwälder zerstört werden, spüren wir die Auswirkungen sogar in der Arktis. Es ist wichtig, zu erkennen, was auf dem Spiel steht. Deshalb brauchen wir Zusammenarbeit.

STANDARD: Sie haben den Friedensnobelpreis auch für Umweltschutz bekommen. Was hat dieser mit Frieden zu tun?

Maathai: Wenn wir in den Krieg ziehen, dann tun wir das, weil wir um Ressourcen kämpfen. Das ist normalerweise Land, manchmal Wasser, manchmal Mineralien. Wenn wir nicht sicherstellen, dass sie gut verwaltet sind, gibt es früher oder später einen Konflikt. Ein nachhaltiges Management unserer Ressourcen trägt bei – zum Frieden oder zum Konflikt.

STANDARD: Wissen Sie eigentlich, wie viele Bäume Sie in Ihrem Leben schon gepflanzt haben?

Maathai: Ich habe sie nicht gezählt, es sind bis heute sicher einige Tausend. Extrem zufrieden bin ich mit der UN-Kampagne zur Pflanzung von einer Milliarde Bäumen. Die größte Leistung war nicht die Zahl der Bäume, sondern die Möglichkeit, ein Bewusstsein zu schaffen: Dass wir alle etwas tun können, um die Umwelt zu schützen – und wenn es so etwas Einfaches ist, wie einen Baum zu pflanzen. (DER STANDARD, Printausgabe, 5.6.2009)

Zur Person

Die aus Kenia stammende Umwelt- und Menschenrechtsaktivistin Wangari Maathai (69) erhielt 2004 den Friedensnobelpreis für ihre Bemühungen um "nachhaltige Umweltentwicklung sowie Frieden und Demokratie" . Sie studierte in den USA Biologie und promovierte 1971 als erste Frau in Ostafrika in Veterinär-Anatomie. 1977 gründete sie das Green Belt Movement (GMB, Bewegung Grüner Gürtel), das mit dem Pflanzen von Bäumen gegen Abholzung, Versteppung und Erosion kämpft.

  • Die Kenianerin Maathai sieht in schlechter Regierungsführung einen
Grund für mangelnden Umweltschutz in Afrika. Die afrikanischen Staaten
müssten eigene Lösungen finden.
    foto: epa/morrison

    Die Kenianerin Maathai sieht in schlechter Regierungsführung einen Grund für mangelnden Umweltschutz in Afrika. Die afrikanischen Staaten müssten eigene Lösungen finden.

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