Utopien von früher

4. Juni 2009, 16:58
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Das Festival Identities präsentiert bis 12. Juni einen Querschnitt durchs queere Kino – darunter Reportagen und Spielfilme aus den 60er- und 70er-Jahren, die von der Veränderbarkeit von Verhältnissen erzählen

Wien - Zwei junge Männer, die ein Paar sind, machen Ferien. "Rückenwind" (2009), der zweite Spielfilm des deutschen Regisseurs Jan Krüger, folgt seinen Protagonisten ins Berliner Hinterland, verliert sie fast in weiten Panoramen, bringt sie mit einer Frau und ihrem halbwüchsigen Sohn zusammen - man faulenzt sich durch den Sommer, Irritationen erwachsen hauptsächlich auf der Beziehungsebene.

Menschen, die bereits über ein paar Jahre mehr Lebenserfahrung verfügen, erinnern sich an Zeiten, in denen eine vergleichbare Realität kaum denkbar schien. "Before Stonewall" (1984) heißt die Dokumentation von Greta Schiller und Robbie Rosenberg. Sie rekonstruiert die Vorgeschichte der US-Schwulen- und Lesbenbewegung, als deren Initialmoment der 27. Juni 1969 gilt, an dem die Gäste der New Yorker Bar Stonewall Inn wegen fortgesetzter Polizeischikanen auf die Barrikaden gingen.

40 Jahre nach Stonewall, im Jahr, in dem Sean Penn für seine Verkörperung von Harvey Milk einen Oscar erhielt, begeht Identities sein fünfzehnjähriges Bestehen. Das Wiener Queer-Film-Festival bringt neben "Milk" rund 110 weitere Beiträge in drei Wiener Kinos: Aktuelle Lang- und Kurz-, Spiel-, Dokumentar- oder Experimentalfilme thematisieren Lebenszusammenhänge von Lesben, Schwulen und transidentischen Menschen und queren unterschiedlichste Genres.

Identities zeigt diesmal unter anderem Reportagen und Spielfilme aus den 60er- und 70er-Jahren: den preisgekrönten italienischen "Immacolata e Concetta" etwa, ein Eifersuchtsdrama, das sich vor dem nüchternen Hintergrund einer sozialrealistischen Erzählung anbahnt. Wie es um die "lesbische (Un-)Sichtbarkeit im Wien der 50er- und 60er-Jahre" bestellt war, kann man hingegen in der aktuellen Doku "Verliebt, verzopft, verwegen" von Katharina Lampert und Cordula Thym erfahren.

Ein Ineinandergreifen von Politikmachen und individueller Selbstermächtigung führt auch "Anna und Edith" (1974) vor. Die Titelheldinnen sind Verwaltungsangestellte. Privat haben sie keinen Kontakt, bis Anna nach einem Ehekrach zufällig ihrer Kollegin begegnet und diese ihr kurzerhand ein Zimmer zur Verfügung stellt.

Liebe und Arbeit

Die Wohngemeinschaft hat Bestand. Zwischen den beiden Frauen entwickelt sich zunächst eine Freundschaft, parallel zum Kampf um angemessene Arbeitsbedingungen, der die Kolleginnen aus der Abteilung einschließt. Allmählich wird die Bindung zwischen den beiden Frauen enger, sie stellen fest, dass sie auch fürs Bett keinen Mann mehr brauchen. Als sich der Konflikt am Arbeitsplatz zuspitzt, will ihr männlicher Vorgesetzter die "lesbischen Unruhestifterinnen" beruflich diskreditieren.

Vom ZDF anlässlich des "Jahrs der Frau" 1975 produziert, geschrieben von Cristina Perincioli und Cäcilia Rentmeister und von Nurit Aviv in gelassene Kamerasequenzen übertragen, entwickelt "Anna und Edith" seine Erzählung entlang von exemplarischen Situationen. Der Film bekommt dadurch einen leicht didaktischen Charakter. Aber nicht nur sein Optimismus bezüglich der Veränderbarkeit der Verhältnisse macht ihn unbedingt sehenswert, ja utopisch. (Isabella Reicher / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.6.2009)

 

  • Faulenzen, einen Sommer lang: Eric Golub (vorn) und seine neuen Freunde in Jan Krügers Spielfilm "Rückenwind"
    foto: salzgeber

    Faulenzen, einen Sommer lang: Eric Golub (vorn) und seine neuen Freunde in Jan Krügers Spielfilm "Rückenwind"

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