Täglich grüßt die Wohnungseinrichtung

4. Juni 2009, 17:02
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Waste Watchers erziehen die Bevölkerung zur Mülltrennung

Wien - "Schau ma mal, was da drinnen ist" , sagt Thomas Retzbach, streift sich schwarze Arbeitshandschuhe über und reißt ein an einer Hauswand abgestelltes Einkaufssackerl auf. Zum Vorschein kommen ein Häferl, eine Hose, diverses Verpackungsmaterial, ein BH, ein paar Plastikflaschen, ein Serviertablett.

Nachdem der gesamte Inhalt des Sackerls auf dem Gehsteig liegt, stellt Retzbach fest: "Nichts, was auf die Person hinweist, die das hergestellt hat." Keine verräterrische Adresse, keine Telefonummer, Passant ist auch keiner in Sicht, der etwas gesehen haben könnte. Die fachgerechte Entsorgung bleibt somit ein Fall für den Müll-Wächter. Er bittet den Kollegen von der Straßenreinigung, der praktischerweise gerade vorbeikommt, den Abfall mitzunehmen - der Mann in Orange packt sogleich das Sackerl plus Inhalt auf die Ladefläche seines Reinigungsgefährts. Fall erledigt.

Waste Watcher Retzbach setzt, gemeinsam mit seinem Kollegen Wolfgang Steyrer, seinen Kontrollgang durch die Wohnanlage Leberberg in Wien-Simmering fort. "Früher" , sagt Steyrer, "sah es hier wirklich arg aus. Überall Hundekot und Müll."

Da nun regelmäßig Waste Watcher vorbeischauen, habe sich das geändert. "Ein paar Uneinsichtige gibt es aber immer." Seit gut einem Jahr sind in Wien Waste Watcher unterwegs. Nachdem eine Handvoll Mütter aus der Brigittenau mittels Petition auf die Hundstrümmerlproblematik aufmerksam gemacht und über 200.000 Unterschriften gegen die "Verkotung der Stadt" gesammelt hatte, beschloss die Stadtregierung, täglich eine Truppe von Sauberkeitskontrolloren loszuschicken. Inzwischen sind wienweit 30 hauptberufliche und 300 nebenberufliche Müll-Wächter unterwegs. Wer die Hinterlassenschaft seines Hundes auf öffentlichen Flächen liegenlässt, wird von den Kontrolloren mit einer Organstrafe von 36 Euro belegt. Wiederholungstäter sowie Müllsünder bekommen eine Anzeige aufgebrummt, die eine Verwaltungsstrafe von bis zu 2000 Euro nach sich ziehen kann.

Derzeit fallen inWien täglich 40 Klein-Lkw-Ladungen an illegal gelagertem Müll an. 7 Millionen Euro kostet das die öffentliche Hand im Jahr. "Wenn wir diese Zahl halbieren könnten, wäre das bereits einRiesenerfolg" , sagt Roland Kolb, Leiter der Waste-Watcher-Truppe. Für Steyrer und Retzbach gehören komplette Wohnzimmereinrichtungen am Straßenrand inzwischen zum Tagesgeschäft, auch illegale Müllhalden kommen ihnen regelmäßig unter.

Ein echter Schock war hingegen ein Berg halbvoller Lack-Kübel, den sie vor ein paar Wochen auf einem Waldstück entdeckten. "Da konnten wir den Täter zum Glück ausforschen." (Martina Stemmer, DER STANDARD - Printausgabe, 5. Juni 2009)

 

 

  • Wolfgang Steyrer (vorn) und Thomas Retzbach bei der Arbeit: "Ein paar Uneinsichtige gibt es immer."
    foto: standard/regine hendrich

    Wolfgang Steyrer (vorn) und Thomas Retzbach bei der Arbeit: "Ein paar Uneinsichtige gibt es immer."

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