Eine Stimme aus dem Jenseits

4. Juni 2009, 16:34
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Zhao Ziyang war zur Zeit des Tiananmen-Massakers KP-Generalsekretär und Ministerpräsident

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 - "Ich bin zu spät gekommen"

Peking - Stunden und Stunden heimlicher Tonbandaufnahmen bedurfte es, und jahrelanger Planung im Verborgenen, um das Material außer Landes zu schmuggeln und zu übersetzen. Kurz vor dem 20. Jahrestag des Tiananmen-Massakers sind in englischer Sprache die Memoiren des ehemaligen chinesischen KP-Generalsekretärs und Ministerpräsidenten Zhao Ziyang erschienen, der das Blutbad zu verhindern suchte und darüber sein Amt und seine Freiheit verlor. Zhao starb 2005 nach 15 Jahren Hausarrest. Das 306 Seiten starke Buch "Prisoner of the State" gibt seltene Einblicke in das Innenleben der chinesischen KP in kritischer Zeit.

Vier Jahre lang sprach der gescheiterte Reformer seine Erinnerungen an seine Amtszeit, seine Sicht der Niederschlagung der Demokratiebewegung und sein Plädoyer für politische Reformen auf Band. Sein früherer Mitarbeiter Du Daozheng und drei weitere Ex-Funktionäre verschafften ihm das Bandgerät und stellten aus den 30-stündigen Aufnahmen die Memoiren zusammen. Zhao habe sich dem chinesischen Volk und der Geschichte gegenüber in der Verantwortung gesehen, erklärte Du in einer Stellungnahme. "Er scherte sich nicht um eigene Schande oder Ruhm, stand auf Seiten des Volkes und der Wahrheit und weigerte sich, einzuknicken oder zurückzuweichen." Er habe seinen alten Freund seit ihrem ersten Wiedersehen 1992 zu den Memoiren ermutigt.

In der chinesischen Öffentlichkeit sind die Studentenproteste und die Niederschlagung der Demokratiebewegung, die Hunderte, wenn nicht Tausende Menschen das Leben kostete, weiterhin Tabuthemen. Regierungssprecher wollten sich auch zu dem Zhao-Buch nicht äußern. Von offizieller Seite werden die Ereignisse als "politischer Zwischenfall" verbrämt und das Vorgehen im Nachhinein mit der wirtschaftlichen Blüte der letzten zwei Jahrzehnte gerechtfertigt.

Zhao, ein Protégé Deng Xiaopings, hatte an dem Reformkurs mitgewirkt, der China in den 1980er-Jahren wirtschaftlichen Aufschwung bescherte. Doch mit seiner Sympathie für die Demonstranten, die weitergehende politische Freiheiten und ein Ende der Korruption forderten, geriet er mit den Hardlinern aneinander und unterlag. Zum letzten Mal in der Öffentlichkeit gesehen wurde er am 19. Mai 1989, einen Tag vor der Verhängung des Kriegsrechts. Da besuchte er die hungerstreikenden Studenten auf dem Tiananmen-Platz und bat sie unter Tränen um Verzeihung. "Ich bin zu spät gekommen", räumte er ein.

Zwei Wochen später, am 3. und 4. Juni, wurde der Protest vom Militär blutig erstickt. Zhao wurde am 24. Juni als "Spalter" aus der Partei ausgeschlossen und lebenslang unter Hausarrest gestellt. Es wurde einsam um ihn: "Der Eingang meines Hauses ist ein kalter, verlassener Ort", bekennt er in seinen Erinnerungen. Sie sollen im Lauf des Monats von einem Hongkonger Verlag auch auf Chinesisch herausgebracht werden, doch auf dem Festland wird es weder die englische noch die chinesische Ausgabe geben. (Audra Ang/AP)

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    Zhao Ziyangs Memouren sind in Hogkong ein Bestseller

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