Antike Stadt Hasankeyf soll Stausee weichen

4. Juni 2009, 14:42
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Prominente kämpfen gegen den Mega-Staudamm-Bau - Auch Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk unter Baugegnern

Istanbul - Die Kampagne gegen den Bau des Ilisu-Staudammes im Südosten der Türkei, hat seit gestern einen gewichtigen Unterstützer mehr. Orhan Pamuk, Literaturnobelpreisträger und weltweit bekanntester Autor der Türkei, unterzeichnete nach Angaben eines Sprechers des Bündnisses gegen den Mega-Staudamm jetzt auch die Protesterklärung. Darin fordern die Unterzeichner den türkischen Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan, und die österreichische, die deutsche und die Schweizer Regierung auf, das Projekt einzustellen und stattdessen den Antrag, das Tigristal rund um die antike Stadt Hasankeyf, die in dem geplanten Stausee untergehen würde, zum Weltkulturerbe zu erklären, zu unterstützen. Pamuk reiht sich mit seiner Unterschrift in eine ständig wachsende Gruppe türkischer Umweltschützer ein, die bislang bereits von dem prominenten Musiker Tarkan und dem deutsch-türkischen Filmemacher Fatih Akin unterstützt werden.(www.stopilisu.com)

60.000 Menschen sollen umgesiedelt werden

Der Bau des Großstaudammes am Oberlauf des Tigris ist seit langem heftig umstritten. Die türkische Regierung will den Damm vor allem für die Stromerzeugung nutzen. Außerdem sollen mit dem Wasser etliche Hektar künstlich bewässert werden, die bislang für intensive Landwirtschaft zu trocken sind. Der Bau des Dammes hätte allerdings enorme soziale, ökologische und kulturelle Konsequenzen. Bis zu 60.000 Menschen würden ihre Häuser und Felder verlieren und müssten umgesiedelt werden. Der Dammbau hätte für Flora und Faune erhebliche Auswirkungen und vor allem würde eine der wichtigsten antiken Stätten der Türkei, die über 10.000 Jahre alt Siedlung Hasankeyf, in den Fluten versinken. Außerdem befürchtete der Irak, dass am Unterlauf des Flusses nach dem Dammbau wesentlich weniger Wasser ankommen würde und das weltweit größte Sumpfgebiet im Mündungsbereich von Tigris und Euphrat austrocknen könnte. Auf einer Protestveranstaltung in der letzten Woche in Berlin hatte der ehemalige Weltbankmitarbeiter Robert Goodland noch erklärt, der Damm würde von der Weltbank niemals finanziert, weil er den ökologischen und sozialen Standards nicht entspricht.

Zusagen auf Eis gelegt

Österreich, Deutschland und die Schweiz, die das Projekt im Wesentlichen finanzieren, beziehungsweise durch Bürgschaften absichern sollen, haben angesichts der Proteste ihre bisherigen Zusagen auf Eis gelegt und die Türkei aufgefordert, die sozialen und ökologischen Maßnahmen zu verbessern und ein Konzept zur Rettung von Hasankeyf vorzulegen. Das Moratorium läuft am 6. Juli ab. Die entscheidenden Gespräche finden allerdings im Moment in Ankara und den anderen beteiligten Hauptstädten statt. Ulrich Eichelmann, der österreichische Sprecher des Anti-Staudamm Bündnisses, geht davon aus, dass die Entscheidung in den kommenden zwei Wochen fällt. Die Türkei hat kürzlich ihren verbesserten Maßnahmenkatalog vorgelegt. Darin sind aber wiederum nur ein kleiner Teil der betroffenen Bauern und ihrer Familien berücksichtigt. Auch für Hasankeyf gibt es offenbar keine Lösung. Türkische Experten hatten eingeräumt, dass die Idee, einige der antiken Monumente abzutragen und an anderer Stelle wieder aufzubauen, kaum durchführbar ist. Archäologisch hätte eine solche Umsiedlung sowieso wenig Sinn, weil der Charakter der Anlage allemal zerstört wird. (Jürgen Gottschlich)

 

 

Webtipp: stopilisu.com

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    Kleiner Ausschnitt der antiken Stadt Hasankeyf

  • Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk unterstützt offiziell die Staudammgegner
    foto: sedat mehder

    Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk unterstützt offiziell die Staudammgegner

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