Simulationen des richtigen Lebens

19. März 2003, 17:25
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Kino als Spielart der Fotografie: Jeff Wall, mit "Photographs" im MuMoK, im Interview über seine "Cinematography"

"Jeff Wall: Photographs": So schlicht betitelt das Wiener Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig die mit 25 großformatigen Arbeiten bestückte Werkschau des kanadischen Fotografen. Dabei konzentrierte man sich auf Aufnahmen, die sich von realen Geschehnissen ableiten, so Jeff Wall im Gespräch mit Doris Krumpl und Markus Mittringer. Der Künstler bezeichnet dies als "New Documentary".


STANDARD: Auf welche Werke legten Sie den Schwerpunkt bei dieser Ausstellung?

Jeff Wall: Ein spezieller Fokus: Meine Art des Bildermachens, der Bildproduktion, in Beziehung zu anderen Aspekten moderner Kunst.

STANDARD: Ist nicht Ihr komplettes Werk so zu sehen?

Wall: Man kann manche meiner Bilder in verschiedenster Weise interpretieren oder bewerten. Entweder konzeptuell und arrangiert: Sie zeigen, was Bildermachen wirklich bedeutet. Andere sind Momentaufnahmen von Bildproduktion: was nicht dasselbe ist. Die Linie zwischen beiden ist ziemlich dünn.

In einer Art "Vorwort" zur Ausstellung, in einem speziellen Raum, habe ich genau die Bilder positioniert, die den Entstehungsprozess reflektieren. Gerade diese, wie etwa das Panoramabild Restauration, thematisieren auch speziell die Beziehung von Malerei und Fotografie.

STANDARD: Wie schaut dann ein nicht reflexives Bild aus?

Wall: Es offenbart seine Konstruktion nicht so deutlich. Wie jenes einer Vorstadtaufnahme, das aber durch sein ungewöhnliches Format eine Spannung in sich trägt.

STANDARD: Was ist so toll an "pictorial art"?

Wall: Die Menschen sehen es nie gleich. Ich mag das. Ich will meine Bilder auch nicht interpretieren, denn es gibt so viele Interpretationen. Und genau das finde ich so schön. Ich bin mir sicher, dass vielen Betrachtern der schöpferische Prozess ziemlich egal ist, sie mögen die Werke einfach. Das ist für mich auch o.k.

STANDARD: Was verbindet die aus unterschiedlichsten Zeiträumen Ihrer Karriere stammenden Fotografien im Hauptraum der Ausstellung?

Wall: Sie leiten sich alle von realen Geschehnissen ab, Dingen, die ich selbst gesehen habe. Das ist es, was ich unter "New Documentary" zusammenfasse: Ich fotografiere Szenen nicht, wenn ich beobachte, habe meistens keine Kamera dabei. Ich beobachte und rekonstruiere später, wie im Fall des Man with a Rifle geschehen, oder aber bei der Straßenszene mit dem Mann und dem Pärchen. Dann wird es für mich erst interessant. Meine Arbeit beginnt immer damit, etwas nicht zu fotografieren.

STANDARD: Ist es wichtig, dort zu fotografieren, wo es tatsächlich passierte? Oder reimplantieren Sie etwa eine Szene aus Wien in Vancouver?

Wall: Nein, es könnte irgendwo anders auch vorkommen, das ist egal. Wichtig ist, dass man ein Auge dafür hat, für die Gestik, und das generiert wiederum die Bedeutung.

STANDARD: Stellen Sie die Szenen mit professionellen Schauspielern nach? Mit Freunden?

Wall: Ganz zu Beginn waren es hauptsächlich Freunde, nun ziehe ich Fremde vor. Jetzt suche ich auch bei Casting- Agenturen, gebe Inserate auf. Mich fasziniert der Aspekt, mit Fremden zu arbeiten, die keine Bedeutung für einen haben, es gefällt mir.

STANDARD: Ist in dem Zusammenhang "Distanz" eines der Schlagwörter in Ihrer Arbeit?

Wall: Die Bilder zeigen auch, was du nicht wissen kannst, sie sind nicht gut in der Vermittlung von Wissen. Wir sehen sie bloß, sie vermitteln kein Wissen, sondern höchstens Erfahrung.

STANDARD: Sie nehmen wirklich nie eine Kamera mit?

Wall: Doch, bei einem dieser Fotos schon, einem Schnappschuss. Der zeigt aber, dass es keine wirklichen Unterschiede in der Technik zwischen Schnappschuss und Rekonstruktion gibt. Fotografie kann in jeder Art betrieben werden. Ich mag den Gedanken nicht, dass es eine korrekte, verbindliche Art des Fotografierens geben soll. Für mich ist es immer ein Experiment.

STANDARD: Hat es mit der Infragestellung der "Wahrheit" eines Schnappschusses zu tun im Vergleich zu jener einer konstruierten Situation?

Wall: Fotografie als Reportage beinhaltet etwas Reales, ich hinterfrage dies nicht, das hat mich nie so interessiert. Alle anderen Kunstformen wie Malerei, Theater, Kino bedienen sich der Illusion, der Konstruktion. Fotografie kann sich ihrer auch bedienen, ohne den anderen Aspekt zu verleugnen. Ich mag es, wenn der dokumentarische und der konstruierte Teil in der Fotografie einen Dialog eingehen. Wenn jemand meine Bilder, z. B. den bodenwischenden Mann, betrachtet und fühlt, "das ist richtiges Leben", obwohl er intellektuell weiß, das es anders war - dann betrachte ich meine Arbeit als erfolgreich.

STANDARD: Wann entscheiden Sie sich zwischen Farbe und Schwarz-Weiß?

Wall: Das ist eine reine Gefühlssache. Ich mache es andersrum und denke: Wann soll man Farbe weggeben? Es gibt beleuchtete und unbeleuchtete. Derzeit beschäftige ich mich gerade mit unbeleuchteten Farben.

STANDARD: Wieweit sind Computertechniken für Sie relevant?

Wall: Ich wende sie nur im Bedarfsfall an. Es gibt unterschiedliche Beweggründe, manchmal sind sie schlicht technischer Natur. Bei meinem Bild des Barcelona-Pavillons machte ich eine Aufnahme des schattigen Pavillons, dessen Umgebung bei diesem Licht überbelichtet gewesen wäre, und der Umgebung - die in dem Fall das Innere zu dunkel hätte werden lassen. Die beiden idealen Bilder kombinierte ich dann in einem.

Das wichtigste Ding mit dem Computer ist, die Sicht des menschlichen Auges zu simulieren, fotografische Grenzen zu eliminieren. Ich möchte auf meinen Bildern die Welt zeigen, die so aussehen soll, als ob du nicht auf Bilder schaust. Nicht zu scharf, nicht mit körniger Struktur usw. Die meisten überhaupt vorhandenen Fotos zeigen die Sicht des menschlichen Auges, dies wird mit der Größe meiner Tableaus aber schwieriger.

STANDARD: Viele Ihrer Szenen spielen sich im Freien ab, auf der Straße.

Wall: Bei der traditionellen Fotografie, also der Dokumentarfotografie, gestaltete es sich immer sehr schwer für den Fotografen, in private Räume zu gelangen: Das ist eines der Limits. Die Straße ist öffentlicher Raum, deshalb besitzen wir eine so große Anzahl an Straßenfotografie, weil dort jeder fotografiert werden kann. Ich mochte das nicht so gern, und mit der Idee der Rekonstruktion konnte ich mir private Orte schaffen, wo immer ich wollte. Das Hotelzimmer-Bild etwa entstand aus meiner persönlichen Erfahrung, als ich dachte, dass hier schon Hunderte Menschen gewohnt haben, die verschwunden sind.

STANDARD: >Inwiefern ist Ihre Arbeit, die Idee der Rekonstruktion, vom Kino beeinflusst?

Wall: Ganz stark, ich habe meine Fotos "Cinematography" genannt. Filme werden rund um Standaufnahmen (Stills) gemacht. Filme zeigen einem die Fotografien in einer seltsamen Art. Für mich ist das Kino bloß eine andere Art der Fotografie. Deshalb will ich auch keinen Film produzieren! Fotos haben keinen Anfang und kein Ende, sie sind immer in der Mitte, und das mag ich.

Das Medium ist freier. Fotografie zeigt uns, wie "events like to be seen", oder es ist die Art, wie man sie sieht. Und das ist ganz schön viel.

STANDARD: Man interpretierte Ihre Fotos auch als hoffnungsvoll inmitten einer tristen Umgebung.

Wall: Plätze, die ich suche, sind nicht immer schön, sie sind gleichgültig oder in einer Art negativ. Es ist immer spannend, daraus Bilder entstehen zu lassen, die Vergnügen bereiten und die auch eine Art Schönheit ausstrahlen. Dieser Kontrast reizt mich. Es gehört nicht viel dazu, ein schönes Foto in einer schönen Umgebung zu schießen.

STANDARD: Ist ein gutes Foto zugleich ein schönes?

Wall: Wenn man es gerne ansieht, es länger und länger betrachten will, wenn es das gewisse Etwas hat - ja, ich nenne das schön. Wenn man Vergnügen daran findet, knüpft man eine neue Beziehung dazu - und damit zur Welt. Es ändert deinen Blickwinkel, vielleicht nur ein klein wenig, vielleicht auch nur für ein paar Momente. Das ist auch ein Grund, warum wir Kunst schätzen. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.3.2003)

  • "Man with a Rifle" (Ausschnitt)
    foto: mumok

    "Man with a Rifle"
    (Ausschnitt)

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