Der Dosenöffner

8. April 2003, 23:57
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Manche Probleme hält man an und für sich ja bereits schon für gelöst. Aber denkste.

Unlängst geschah es, dass ich sowohl große Lust als auch die notwendigen Zutaten zu Hause hatte, um so spanische gefüllte Paprika zu machen, im Rohr geschmort mit einer Ei-Thunfisch, Kapern-Anchovi-Creme drin. So weit, so spannend, die erste Aufgabe bestand jedenfalls mal darin, die Thunfischdose aufzumachen, wofür ich ein Produkt der Firma „Medusa“ aus Bologna wählte, die seinerzeit bei einer für das Fress-Magazin „A la Carte“ durchgeführten Thunfisch-Verkostung immerhin den zehnten Platz gemacht hat (was für einen Yellowfin-Thunfisch gegen die ganzen Bonito-Schatzis gar nicht mal schlecht war ...).

Okay, die besondere Eigenart der Thunfisch-Dose der Firma Medusa ist jene, dass sie oval ist und im Gegensatz zu vielen anderen vergleichbaren Produkten keinen vorgeprägten Deckel samt Ring zum Aufreißen hat. Weshalb also der Dosenöffner wieder mal bemüht werden musste, nach langer Zeit wieder mal, muss ich sagen, weshalb sich eine freudige Erregung breit machte. Denn das Gerät, das ich zur Anwendung brachte, war ein Spezialteil von Tupper, das ich erhielt, ohne dabei bei so einer liturgischen Plastikdosen-Eucharistie teilnehmen zu müssen, weshalb ich bei diesem Gerät immer das angenehme Gefühl hatte, es mir ein bisschen erschlichen zu haben. Aber das ist eine andere Geschichte. Der Tupper-Dosenöffner jedenfalls zeichnet sich dadurch aus, dass man ihn einigermaßen mühsam und genau ansetzen muss, dass er dann aber auf wundersame die Dose so öffnet, dass man den Deckel gefahr- und fleckenlos abheben und sogar wieder einigermaßen dicht aufsetzen kann. Toll!

Bei meiner ovalen Medusa-Dose scheiterte das Hightech-Teil jedenfalls kläglich, ich machte ein paar mal die Runde, aber von einem abzuhebenden Deckel war nicht die Spur zu bemerken, geschweige denn davon, dass die scheiß Dose irgendwie offen war. Vielmehr befand sie sich im unveränderten Originalzustand, wie sie von Bologna zur Firma Piccini in Wien Mariahilf geschickt wurde. Okay, also der alte Dosenöffner mit den weißen Plastikgriffen und diesen grausam kneifenden Zahnrädern und diesen erschreckend rigorosen Scheiben-Klingen – ein Gegenstand, der da dazwischen kommt, geht sicherheitshalber von alleine auf und gibt seinen Inhalt ohne Gegenwehr preis. So war das zumindest bisher immer, Medusa aber hielt stand. Die Dose wurde zwar perforiert und gab im Laufe des Kampfes auch reichlich des darin befindlichen Olivenöls von sich (vor allem auf die Griffe des Dosenöffners, schlau!), von einer Öffnung war aber keinesfalls die Rede. Denn die Sache mit den unterschiedlichen Kurvenradien packte der Öffner irgendwie nicht, glitt ab, verrutschte, verbeulte die Dose zwar (noch mehr Öl kam raus), das war’s dann aber.

Das sind die Augenblicke, wo jeder normale Mensch die Dose nimmt und sie brüllend gegen die Wand, aus dem Fenster, in die Abwasch oder sonst wohin schmettert und unverzüglich essen geht. Oder zum letzten Mittel greift, dem Mittel, das immer hilft, dem Schweizermesser nämlich, an dem sich eine Art Faustkeil unter den Dosenöffnern befindet, zwar mit einer Streckenleistung von 0,3 Meter pro Stunde, aber eilig hat man’s auf der einsamen Insel meist eh nicht so (es gibt dann übrigens noch was Faustkeiligeres, so ein absolut winziger Klapp-Dosenöffner, der tatsächlich alles aufkriegt und bei dem man sich auch tatsächlich alle Fingernägel abbricht ...). Nun, das Schweizermesser war gerade nicht aufzufinden, Blut rann bereits merklich, das noch in der Dose verbliebene Olivenöl schäumte schon, und der Anblick der Medusa-Dose hatte wirklich nichts Erhebendes mehr, ein Bild der Zerstörung halt. Rasend vor Wut und mit einem übersteigerten Ehrgeiz, der mir sonst eigentlich nicht so zu eigen ist, versuchte ich dann, die Kerben und Löcher, die die bisherigen Öffner verursacht hatten, mit der Küchenschere zu verbinden ...

Ich verlor ungefähr einen halben Liter Blut, der Schnitt im linken Mittelfinger ging wirklich ziemlich tief, und ob ich das Öl jemals wieder aus meinem Hemd kriegen werde, wage ich zu bezweifeln. Aber ich habe die Medusa besiegt, ich schlachtete die Thunfischdose – und ich werde von nun an nur mehr Thunfisch in Gläsern kaufen.

Von Florian Holzer
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