Die Krönung einer "wahren Nichterzieherin"

10. April 2003, 09:58
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Verdiente Würdigung großer Kinder- und Jugendliteratur: Christine Nöstlinger wurde im schwedischen Vimmerby der erste Astrid-Lindgren-Gedächtnispreis verliehen

Wien/Vimmerby - Man darf von einer der spektakulärsten und erfreulichsten Würdigungen heimischer Literatur sprechen: Gestern kam aus dem schwedischen Vimmerby die Nachricht, dass Christine Nöstlinger den erstmals vergebenen Astrid-Lindgren-Gedächtnispreis erhalten wird.

Dass diese Auszeichnung mit fünf Millionen Kronen (rund 540.000 Euro) im Segment der Kinder- und Jugendliteratur ungewöhnlich hoch dotiert ist, mag für die 65-jährige Bestsellerautorin weniger bedeutsam sein als die Tatsachen, dass sie Astrid Lindgren immer verehrt hat und den Preis, der am 4. Juni übergeben wird, mit keinem Geringeren als dem genialen US-Autor und Illustrator Maurice Sendak (Wo die wilden Kerle hausen) teilt: Nichts weniger als Weltliteratur wurde also in Lindgrens Geburtsstadt Vimmerby gewürdigt. Zu den 20 Sprachen, in die Nöstlingers über 100 Bücher übersetzt wurden, werden wohl noch einige dazukommen.

Christine Nöstlinger sei "eine wahre Nichterzieherin

vom Kaliber Astrid Lindgrens", hieß es in der Begründung der Lindgren-Jury: "Sie steht vorbehaltlos auf der Seite der Kinder und Außenseiter" - wohlgemerkt, ohne sich jemals bei ihrem Stammpublikum (zu dem man getrost Zigtausende erwachsener Leser zählen darf) anzubiedern.

Wie sagte die Autorin im Vorjahr in einem Gespräch mit dem Standard: "Manche Leute meinen, ich hätte zu wenig Kontakt mit Kindern und Jugendlichen. Aber es kommt doch auch kein Mensch auf die Idee, dass ein Autor von so genannten Erwachsenenbüchern viel Kontakt mit Erwachsenen haben muss. Warum soll ich also mit Kindern reden? Wenn's um Emotionen geht, ist man immer auf sich selbst angewiesen."

Und so zeichnet ihre Bücher, sei es das zauberhafte Frühwerk "Die feuerrote Friederike", das umwerfend komische "Wir pfeifen auf den Gurkenkönig" oder der lyrisch-melancholische Roman "Der Hund kommt", ein gelassener, undidaktischer Tonfall aus, der immerhin eine Utopie hochhält:

"Dass die Menschen sich nicht mit den Verhältnissen abfinden müssen."

Nöstlinger, gelernte Grafikerin, hat sich nie abgefunden. Schon als junge Hausfrau und Mutter nicht, die sich zu ersten Buchillustrationen kurzerhand den Text selbst dazu schrieb. Und jahrelang "nicht wusste, dass man in Kinderbüchern nicht ,Trottel‘ schreiben darf. Das verdirbt angeblich die Kinder."

Dazu nur so viel: Uns junge und alte Trottel hat sie garantiert nicht verdorben. Und viele hat sie zum Lesen bekehrt. Dafür auch an dieser Stelle ein großes Dankeschön - und die Hoffnung, dass Nöstlinger, die sich in den letzten Jahren ein wenig zurückgezogen hat, vielleicht doch noch das eine oder andere große Buch schreiben wird. (Claus Philipp, DER STANDARD Printausgabe, 19.03.2003)

  • Preisträgerin Christine Nöstlinger
    Preisträgerin Christine Nöstlinger
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