Internet-Tagebücher spiegeln kollektiven Denkprozess

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Die Blogger drängen in den Mainstream

Als vor ein paar Jahren die ersten Online-Tagebücher auftauchten, wurden sie als belanglose Selbstbespiegelung von Egomanen abgetan. Inzwischen gibt es mehrere hunderttausend Weblogs, kurz Blogs genannt, und die Blogger-Szene gilt als ernst zu nehmende Plattform für technische Innovationen und neue Geschäftsideen der Internet-Wirtschaft.

Untergründig

Tony Perkins vergleicht die Blogger mit der Situation des Internet vor zehn Jahren. "Bloggen ist populär und hat einen Touch von Underground-Kultur, angetrieben von Liebe und Leidenschaft", sagt Perkins, bis vor kurzem noch beim zumindest vorerst eingestellten Technik-Magazin "Red Herring" aktiv. Jetzt hat Perkins den Business-Blog "AlwaysOn" gegründet. "Es ist an der Zeit, die Sache auf das nächste Level zu bringen", erklärt er das neue Projekt.

Service

Bei AlwaysOn sind prominente Köpfe aus Wirtschaft und Internet aufgerufen, sich mit ihren Ideen zu aktuellen Themen zu Wort zu melden. Da wird dann auch kurzerhand ein George W. Bush zum "Celebrity Blogger" erklärt. Zurzeit ist die Anmeldung bei AlwaysOn noch kostenlos, später will Perkins zumindest für Teilnehmer in den USA eine monatliche Abo-Gebühr von 4,95 Dollar (4,60 Euro) erheben.

Auch Unternehmen wie Terra Lycos, AOL und Google haben die "Blogosphäre" entdeckt und suchen dort nach neuen Verdienstmöglichkeiten. "Wir wollen das bisherige Untergrund-Phänomen zu den Massen tragen", sagt der Marketing-Chef von Terra Lycos, Charles Kilby. Der Internet-Service Tripod von Terry Lycos lädt seit einem Monat dazu ein, sich dort ein eigenes Online-Tagebuch einzurichten. Bei AOL wird im Laufe des Jahres ein ähnliches Angebot für die weltweit rund 35 Millionen Kunden erwartet.

Übernahme

Als Spezialist für riesige Such-Datenbanken und große Zahlen hat sich Google Mitte Februar gleich den größten Anbieter der Blogger-Szene einverleibt: Bei blogger.com, betrieben von der Startup-Firma Pyra Labs in San Francisco, sind mehr als eine Million Mitglieder angemeldet, von denen 200.000 ein aktives Blog führen. Über die weiteren Pläne hat sich Google bisher nicht geäußert.

Inhalte

Die inhaltliche Spannbreite der Blogs ist so weit wie das Leben: Da tauschen sich Teenager über Pody-Piercing aus, Computer-Freaks widmen sich tiefen Einblicken in das Innerste der Motherboards, Berühmtheiten berichten für ihre Fans aus dem Alltag, und politische Aktivisten diskutieren über die Irak-Krise. Einige vergleichen den Reiz, der vom Lesen der Blogs ausgeht, mit Reality-TV.

Um ein eigenes Blog aufzusetzen, sind kaum technische Kenntnisse erforderlich. Die Software kümmert sich selbst um die richtige Anordnung der Einträge. Das Feedback von Lesern und Links zu anderen Blogs führen das Online-Tagebuch aus der Selbstbeschauung weg und machen es zum Kern einer Community.

Minimal Vorraussetzungen

"Zum Bloggen braucht man nur eine artikulierte Ansicht und etwas Ehrgeiz, ein sehr breites Publikum anzusprechen", sagt Todd Copilevitz, Leiter der Marketing-Firma Richards Interactive, die sich intensiv mit Blogger-Bewegung beschäftigt hat. Chris Cleveland, dessen Firma Dieselpoint die Such-Software für blogger.com bereitgestellt hat, sieht in den mannigfachen Meinungsäußerungen der Blogger sogar einen Art kollektiven Denkprozess am Werk.

Einige Anbieter haben eine Suchmaschine für Blogs eingerichtet, aber die Datenbank dahinter ist begrenzt. Daher erwarten Beobachter der Blogger-Szene, dass Google an einem umfassenden Blogger-Service arbeitet. Dann könnten die besten Blogs einfacher gefunden werden und sich zu einflussreichen Trendsettern entwickeln, die die öffentliche Meinung beeinflussen - eine Funktion, die bisher den Medien zukommt.

"Wenn man diese Seiten lange genug liest, erkennt man Kreuzungen, an denen sich die Meinungsmacher versammeln", erklärt Copilevitz. "Das ist ein Phänomen, das noch nicht ganz auf dem Mainstream-Radar angekommen ist. In sechs Monaten wird das aber anders sein." (APA)

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