Baby-Dummie überlebte erste RTL-Folge nicht

4. Juni 2009, 11:22
52 Postings

Vom "Vater" im Schlaf überrollt und erstickt - Maue Quoten: 104.000 Österreicher sahen umstrittene Dokusoap

Trotz der tagelangen medialen Aufmerksamkeit ist der Start der umstrittenen RTL-Reihe "Erwachsen auf Probe" am Mittwochabend ohne besonderes Zuseherinteresse über die Bühne gegangen. Zwar war das Format mit 104.000 Zuschauern (9,2 Prozent Marktanteil bei 12-49) die meistgesehene RTL-Sendung am Mittwoch, hatte aber nur halb so viele Seher wie "Bauer sucht Frau", das zeitgleich bei ATV im Hauptabend zu sehen war.

Auch in Deutschland fielen die Seherzahlen unspektakulär aus. Im Durchschnitt verfolgten 3,03 Millionen Zuschauer den ersten, zwei Stunden langen Teil des TV-Formats, in dem Jugendliche den Umgang mit Babys lernen sollen.

Vorab-Kritik an Sendung

Kaum eine Sendung hatte im Vorfeld die Gemüter derart erhitzt, wie "Erwachsen auf Probe". Vor allem Psychologen, Kinderschützer sowie die Kirche hatten sich öffentlich gegen das Format ausgesprochen, weil aus ihrer Sicht die Babys und Kleinkinder unter den Folgen des kurzfristigen Ausleihens an Ersatzeltern leiden könnten. Die heimische Opferschutzorganisation "die möwe" hatte kritisiert, dass "mediale Sozial-Experimente mit Kindern und Jugendlichen unverantwortlich, unethisch und missbräuchlich" seien.

Die österreichische Gesellschaft für Kinder und Jugendpsychiatrie (ÖGKJP) hatte im Vorfeld moniert, dass sich Babys und Kleinkinder im Alter von sieben bis 14 Monaten in Entwicklungsphasen befinden, in denen sie ihre spezifische Bindung an ihre Hauptbezugspersonen etablieren. "Werden sie von diesen getrennt und von Fremden betreut, führt dies zu einem chronischen Stresszustand, einem Gefühl des Verlassenwerdens mit nicht absehbaren Folgen für die weitere emotionalen Entwicklung".

RTL hatte diese Kritik kontinuierlich zurückgewiesen. Unmittelbar vor dem Ausstrahlungsstart hatten am Mittwoch noch zwei Gerichte Anträge auf einstweilige Anordnungen zum Verbot der Sendungen abgelehnt. Die Richter urteilten, dass die Sendung schon abgedreht sei und man den Kindern deshalb sowieso nicht mehr helfen könne. Was die mögliche Wirkung der Sendung betreffe, sei die Landesmedienanstalt zuständig, die sich ab Donnerstag mit der Dokusoap befassen will.

Bei der Auftaktsendung stellte RTL vier Teenagerpaare vor, die sich in den nächsten Sendungen um Babys und Kleinkinder kümmern werden, die von ihren Eltern bis zu vier Tage zur Verfügung gestellt wurden. Laut RTL hätten diese jederzeit die Möglichkeit gehabt, die Versuche abzubrechen. Die Jugendlichen probten den Ernstfall zunächst mit Puppen.

Baby-Simulator überlebte erste Nacht nicht

 

Baby Nummer vier starb noch in der ersten Nacht. "Leihvater" Elvir erstickte den Baby-Simulator in der ersten Folge der RTL-Serie.

Vier jugendliche Pärchen mit Kinderwunsch zogen in vier bunte Häuschen einer Vorstadtsiedlung und spielen "Erwachsensein". Vier Pärchen im Alter von 16 bis 19 Jahren leben darin vor, was es heißt, erwachsen zu sein und Kinder zu haben. Die meisten der Teenager haben scheinbar auch ohne Kind bereits genug Probleme, die als Rahmenhandlung dienen: Ohrfeigen vom Freund, Konflikte mit dem Gesetz, eine Fehlgeburt.

Dann kommt es "hart auf hart": die Pärchen müssen entscheiden, wer arbeiten geht, die Mädchen müssen für 24 Stunden einen "Baby-Bauch" umschnallen, der in Umfang und Gewicht einen Schwangerschaftsbauch Anfang des neunten Monates simuliert. Dann folgt die nächste Stufe: in einer Tasche vor der Haustür liegt für jedes Paar ein sogenannter Baby-Simulator, der die nächsten 24 Stunden betreut werden muss. Der Puppen-Dummie sieht einem echten Baby täuschend ähnlich und weint, nässt sich ein und reagiert auch sonst wie ein richtiges Kind.

"Crash-Kurs"

Fläschchen geben, Brei kochen, Windeln wechseln, ins Bett bringen - die Jugendlichen, die zuvor in einem "Crash-Kurs" alles nötige gelernt haben sollen, wirken mehr oder weniger überfordert. Der unvorsichtige Elvir überrollt gar "sein Kind" im Schlaf. Jetzt müssen die beiden Teenager "nachsitzen", findet RTL-Expertin Katja Kessler, dann wären sie am nächsten Tag reif genug für das echte Baby. Am sechsten Tag bekommen drei der vier Paare ihre echten "Leihbabies". Die richtigen Mütter bringen ihre Kinder vorbei und geben "eine Gebrauchsanweisung" für sie mit auf den Weg.

Per Videokamera verfolgen die Eltern im Nachbarhaus das Geschehen und können jederzeit eingreifen. Auch der zehn Monate alte Lasse wird "verliehen", seine Mutter sagt im Anschluss an die Sendung bei "Stern TV", ihr Sohn sei nach den Dreharbeiten genauso entspannt gewesen wie sonst auch. Dass er abends immer bei ihr geschlafen und auch nie den ganzen Tag im Haus bei den Leiheltern verbracht habe, erzählt sie dann auch. Gezeigt wird das in der Serie so aber nicht.

Marlis Herterich vom Kinderschutzbund bleibt daher bei ihrer Kritik: In der Sendung werde den Zuschauern der Eindruck vermittelt, dass die Kinder vier Tage komplett von ihren Eltern getrennt worden wären. Das könne Experten zufolge bei so kleinen Kindern zu Bindungsstörungen führen. 14 Tage am Stück mit den Baby-Dummies hätten bei den Jugendlichen einen ähnlichen Effekt gehabt und man hätte die Kinder dem Ganzen nicht aussetzen müssen, sagte Herterich. (APA/AP)

Share if you care.