"Habe nicht vor, es allen recht zu machen"

4. Juni 2009, 13:44
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Der neue Polit-Star Debora Serracchiani im derStandard.at-Interview über ihre plötzliche EU-Kandidatur, internen Streit und den Kampf mit der Regierung

Zwölf Minuten haben Debora Serracchiani zum Star gemacht. Auf dem Parteikongress der italienischen Linksdemokraten (Partito Democratico, PD) vergangenen März in Rom hat die Provinzpolitikerin und Anwältin aus Udine mit ihrer Rede für Aufsehen gesorgt: Sie sprach über den Dauerzwist an der Parteispitze, den uneinheitlichen Kurs nach Außen, den verweigerten Generationswechsel und die Enttäuschung über all das in- und außerhalb der Partei.

Auch der Parteivorsitzende Dario Franceschini bekam sein Fett ab. Er war dennoch von der 38-Jährigen begeistert, einen Tag später stand Serracchiani als Zweite der PD für den Wahlkreis Nordosten (Italia Nord Orientale) für die EU-Wahlen auf der Liste. Seither wurde ihre ins Internet gestellte Rede über 200.000 Mal angeklickt, internationale Medien berichten über sie, ihr Handy "läutet permanent" und 1500 Mails trudeln pro Tag in ihre Mailbox ein. Im Gespäch mit derStandard.at erklärt die Kandidatin, wie sie mit der plötzlichen Bekanntheit umgeht, wie sie die eigene Partei und das Land umkrempeln möchte. Die Fragen stellte Anna Giulia Fink.

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derStandard.at: Am Tag der Parteiveranstaltung wollten Sie eigentlich nicht einmal nach Rom fahren. Früher kannte Sie kaum jemand, nach Ihrer Rede sind Sie plötzlich zum Polit-Star geworden und Parteichef Dario Franceschini hat sie für die Europawahlen aufstellen lassen. Was sagen Sie selbst zu dieser Entwicklung?

Debora Serracchiani: Diese große, plötzliche Bekanntheit war auch für mich eine Riesenüberraschung. Vor allem, weil ich eigentlich mit meiner Rede nur an die bestehenden Probleme und an die Anliegen der anderen Mitstreiter in der Partei erinnern wollte.

derStandard.at: "Diese zwölf Minuten haben mein Leben auf den Kopf gestellt", haben Sie kurz nach Ihrer Rede gemeint. Inwiefern?

Debora Serracchiani: Plötzlich haben eine Reihe nationaler wie internationaler Medien über mich berichtet. Viele Menschen, in und außerhalb der Partei, haben mir ihre Wertschätzung und ihre Unterstützung versichert. Und dann haben mich die Vertreter der Region Friaul Julisch-Venetien gefragt, ob ich kandidieren möchte - und hier bin ich jetzt also.

derStandard.at: Sie haben bei Ihrer Rede gewaltig ausgeteilt. Gab es auch negative Reaktionen darauf?

Debora Serracchiani: Eigentlich nicht, zumindest habe ich nichts Negatives gehört. Aber ich kann dennoch versichern, dass ich nicht vorhabe, es allen recht zu machen - das wollte ich vorher nicht und werde es auch in Zukunft nicht machen.

derStandard.at: Sie werden mittlerweile auf diversen Blogs bereits als „La Obama" gefeiert. Sie aber haben gesagt, dass Sie Bekanntheit und Medienzirkus nicht interessieren. Gilt das noch?

Debora Serracchiani: Mein Ziel ist es nicht, bekannt zu werden, sondern die Partei und die Politik umzukrempeln. Und ich will Lösungen finden für die Menschen, vor allem in schwierigen Zeiten wie diesen.

derStandard.at: Bescheidenheit und Zurücknahme ist im Moment nicht das hervorstechendste Merkmal der italienischen Politiker ...

Debora Serracchiani: Die Unterstützung, das Vertrauen und die Komplimente, die ich bekommen habe, haben mich wirklich sehr gefreut. Die einzige Art und Weise, wie ich das alles zurückgeben kann, ist zu arbeiten, um die Dinge zu verbessern, ohne sich dabei wie der Klassenbeste zu fühlen. Ich will kein Star sein, das interessiert mich nicht. Ich will eine Frau sein, die Politik macht und die die Projekte, die sie vorschlägt, auch umsetzt.

derStandard.at: Sie sprechen in Ihrem Programm immer wieder den Gossip, die "unangebrachte Polemik", die "unpassenden Witze" in Bezug auf die Regierung an. Dem gegenüber stellen sie wiederum die "komplette Sprachlosigkeit" und das Ignorieren, wenn es um die Krise gehe ...

Debora Serracchiani: Die Wirklichkeit ist die, dass die Mitte-Rechts-Koalition keine Ideen gegen die Krise hat und sich darauf beschränkt, unnötige Erklärungen zu machen.

derStandard.at: Was für Ideen haben Sie?

Debora Serracchiani: Die italienischen Firmen müssen sich mehr Richtung Europa öffnen, zum Beispiel die Steuern angleichen und die Bürokratie vereinfachen. Kleinen und mittleren Betrieben muss geholfen werden, indem in Forschung und Technologie investiert sowie das Netz von Dienstleistungen und Infrastruktur weiterentwickelt werden muss. Der Handel muss innerhalb wie außerhalb des Landes besser organisiert und abgestimmt sein, beispielsweise die Hafen-Systeme.

Wir müssen außerdem mehr in erneuerbare Energie, Forschung und Bildung investieren.  Schwarzarbeit und Menschenhandel müssen gestoppt werden, ohne die Menschen gegen Migranten aufzuhetzen, wie es die Rechte tut. Illegale Migration muss gestoppt werden, indem die gemeinsame EU-Grenzpolitik verbessert und abgestimmt wird.

derStandard.at: Wieso kann Italien noch immer nicht das wirtschaftliche Level zwischen Nord und Süd angleichen?

Debora Serracchiani: Das sind alt bekannte Probleme, für die wir dringend und schnell neue Ideen und Lösungsansätze brauchen.

derStandard.at: Sie wollen Ihre eigene Partei neu aufbauen. Wie soll das passieren?

Debora Serracchiani: Ich will die Partei erneuern - mithilfe von allen, die in und die außerhalb der Partei. Mit viel Arbeit und neuen Ideen.

derStandard.at: Was genau heißt das?

Debora Serracchiani: Wir brauchen junge Menschen, eine einheitliche Linie nach außen, die Spitze darf sich nicht mehr von der Basis entfernen.

derStandard.at: Abgesehen von der innerparteilichen Kritik meinten Sie in Ihrer Rede außerdem, dass Sie sich "mit diesem Land nicht identifizieren" würden. Womit genau nicht?

Debora Serracchiani: Damit meinte ich, dass Italien, wo ich sehr glücklich bin und wo ich sehr gerne lebe, aufwachen und sich erneuern muss. Und dass das Land den Willen und die Kraft dazu finden soll, die Schwierigkeiten zu bekämpfen und sich zu erneuern. Unser Land darf einfach nicht mehr hinnehmen, was die Rechte gerade anstellt.

derStandard.at: Silvio Berlusconis Rechtsbündnis könnte die 50-Prozent-Marke anpeilen, die PD erreicht nach Umfragen gerade einmal 28 Prozent. Mit welchem Ergebnis rechnen Sie?

Debora Serracchiani: Ich mache ungern Vorhersagen.

derStandard.at: Franceschini zeigte sich zuversichtlich, dass die PD nach der Niederlage bei den Parlamentswahlen im April 2008 bei den Europawahlen wieder an Stimmen gewinnen wird. Vor allem in Norditalien seien viele Wähler von der Mitte-Rechts-Allianz Berlusconis enttäuscht. Glauben Sie das auch?

Debora Serracchiani: Damit stimme ich komplett überein. Ich spüre, dass das Klima sich geändert hat und dass die Menschen verstanden haben, dass Berlusconi ihre Probleme einfach nicht löst. Die PD macht konkrete Vorschläge und bringt neue Ideen. Die Regierung hingegen steht einfach still.

derStandard.at: Gleichzeitig finden in Italien Wahlen in fast 4000 Gemeinden und 62 Provinzen statt. Die Hälfte der von Mitte-links-Allianzen regierten 50 Provinzen scheint gefährdet - darunter auch Hochburgen wie Mailand, Turin, Bologna und Florenz. Wie erklären Sie sich das?

Debora Serracchiani: Ich bin überzeugt, dass die Mitte-Links-Koalition in diesen Städten gewinnen wird. Es hat in den vergangenen Monaten Probleme und Teilungen gegeben, aber jetzt formiert sich die PD neu.

derStandard.at: "Die Politik geht in diesem Land verloren." Was habe Sie bei Ihrer Rede damit gemeint?

Debora Serracchiani: Damit wollte ich unterstreichen, dass man zu wenig über konkrete Dinge und Lösungen aus der Krise spricht - gerade das aber bräuchten die Bürger eben jetzt.

derStandard.at: Oppositionschef erklärte, dass er nur bis zum Parteikongress im kommenden Oktober im Amt bleiben werde. Wurden Sie gefragt, ob Sie seine Nachfolgerin sein möchten?

Debora Serracchiani: Im Moment ist mein einziges Ziel die Europawahl.

derStandard.at: Franceschini hat 40 Prozent der EU-Plätze mit Frauen besetzt, weil sie „besser arbeiten". Sehen Sie das auch so?

Debora Serracchiani: Ich glaube schon, dass den Frauen mehr Platz eingeräumt werden sollte. (Anna Giulia Fink, derStandard.at, 4.6.2009)

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    foto: standard/youtube
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