Video ist als persönliches Kommunikationsmedium unterbelichtet

4. Juni 2009, 10:30
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Das bewegte Bild ist das Stiefkind in der Palette unserer Kommunikationswerkzeuge geblieben

Mit einiger Berechtigung kann man das bewegte Bild als Leitmedium unserer Tage bezeichnen: Als Film und Fernsehen zieht es uns seit Jahrzehnten in seinen Bann, mit YouTube ist Video vor einigen Jahren im Internetzeitalter angekommen.

Wir texten und fotografieren

Das Videoportal YouTube ist die Nummer drei in der Hitparade der Webseiten, in den USA nur von Google und Yahoo übertroffen, in Österreich nur von Google und Google (die Österreich-Version sowie Google.com) und vor Facebook an vierter Stelle. Aber während wir texten und fotografieren, ist Video als persönliches Kommunikationsmedium unterbelichtet geblieben.

Der Paradeflop der Mobilfunkindustrie

Beweisstück Nummer eins: Der Paradeflop der Mobilfunkindustrie, Videocalls. Wer sich noch an den Anfangshype um UMTS erinnert, dem sind die Sprüche von Videotelefonaten als nächste "KillerApp" des Mobilfunks noch im Ohr. Tatsächlich sind Videocalls im Kuriositätenkammerl des Technologiemuseums gelandet.

Natürlich gibt es Videofilmer - Eltern, die liebevoll jeden Entwicklungsschritt ihrer Kinder festhalten bis zu ambitionierten Hobbyfilmern. Und es gibt eine kleine Schar YouTuber, die diese Bühne für eigene Darstellungen nutzt (obwohl die überwältigende Mehrzahl der Inhalte aus Ausschnitten von TV-Sendungen besteht).

Skype

Aber selbstproduzierte Videoclips, um Vorträge im Klassenzimmer, an Unis oder bei Firmenpräsentationen anstelle öder Powerpoints aufzulockern? Skype-Videocalls mit Freunden und der Familie? Facebook-Einträge per Video? In dieser Hinsicht ist das bewegte Bild Stiefkind in der Palette unserer Kommunikationswerkzeuge geblieben, zumindest in Österreich (in den USA ist es öfter zu sehen, dass sich Familien vor dem PC mit Webcam versammeln, um zu skypen).

Dabei sind die Werkzeuge dafür überall vorhanden: Jedes bessere Handy hat eine Videokamera integriert, Spitzenmodelle sogar in HD-Qualität. Fotoapparate (inzwischen selbst Spiegelreflexkameras) können Videos drehen. In den USA machte in den beiden vergangenen Jahren die Flip-Video (an dieser Stelle schon vor längerem vorgestellt) als Bestseller unter den Videokameras Karriere: Weil ihre Simplizität alle potenziellen Hindernisse beseitigt (einschalten, roten Aufnahmeknopf betätigen, fertig) und die Clips wie von einem USB-Stick auf den PC übertragen werden.

Privat

Viele neue Entwicklungen wie Facebook oder Twitter finden über die zunächst private Ausbreitung ihren Weg auch in den beruflichen Alltag. Vielleicht sind es zur Abwechslung berufliche Anwendungen, die Video als Web-2.0-Medium popularisieren: How-to-Filmchen, um etwas zu erklären; eine Unterrichtsministerin, die sich regelmäßig per Video an Lehrerinnen und Lehrer wendet (die mit Videos antworten können); Lehrerinnen, die Zeitzeugen ins Klassenzimmer holen, um den Unterricht aufzulockern.

Offenbar setzt auch das Netzwerkunternehmen Cisco darauf, dass die große Änderung diesmal aus unternehmerischer Nutzung kommt: Sie kauften den Erfinder der Flip, Pure Digital, auf. Am Ende wird vielleicht der Videocall doch noch aus dem Kammerl der Flops geholt werden. Wenn auch in anderer Form, als sich das die Industrie anfangs vorstellte. (helmut.spudich@derStandard.at, DER STANDARD Printausgabe, 4. Juni 2009)

 

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