GM geht, Cisco kommt

4. Juni 2009, 10:17
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Netzwerkausrüster Cisc nimmt künftig im Dow-Jones-Index jenen Platz ein, den GM mit seiner Insolvenz freigemacht hat.

Was kommt nach dem Ende der glorreichen Autoindustrie, die das 20. Jahrhundert wirtschaftlich bestimmte? Das Netz - zumindest nach Auffassung von Dow Jones, des Finanzdienstes, dessen Index Dow Jones Industrial Average seit 1896 den Puls der New Yorker Börse misst.

Essenziell

Mit seiner Insolvenz scheidet General Motors (GM) aus dem 30 führende US-Unternehmen umfassenden Index nach 83 Jahren aus, bis dahin das zweitälteste Dow-Jones-Unternehmen nach General Electrics (102 Jahre). An seiner Stelle rückt kommenden Montag Cisco in den Index auf, führender Ausstatter des Internets, "weil Kommunikations- und Netzwerkprodukte für eine Wirtschaft und Kultur, die sich an das Informationszeitalter anpassen, so essenziell sind, wie es das Automobil für Amerika im 20. Jahrhundert war", begründete Dow Jones-Chefredakteur Robert Thomson die Entscheidung.

"Sobald die Wirtschaft aus diesem Downturn herauskommt"

Bereits Ende der 90er-Jahre, am Höhepunkt der Dotcom-Ära, war Cisco vorübergehend das wertvollste Unternehmen der Welt, dessen Kapitalwert sogar jenen Microsofts überstieg (das gleichfalls im Dow Jones enthalten ist, ebenso wie Chiphersteller Intel). Die Blase platzte, aber Cisco überstand dies unbeschadet, so wie das finanziell gutgepolsterte Unternehmen durch zahlreiche Zukäufe und Gasgeben die jetzige Krise meistern will. "Sobald die Wirtschaft aus diesem Downturn herauskommt", sagt Ciscos-Technologiechefin Padmasree Warrior beim Cisco-Partner Summit in Boston, "werden einige Industrien wie Automobil, Verkehr, Finanzen oder Energie ganz anders aussehen. Diese grundlegende Umstrukturierung bietet uns große Chancen."

Wie zum Beispiel beim Verkehr: Cisco wettet darauf, dass Videokonferenzen beträchtliche Reisekosten einsparen kann. Cisco ist hier mit seinem hochwertigen Telepresence-System als führender Anbieter tätig. Seinen eigenen Reiseaufwand hat das Unternehmen damit um 40 Prozent reduziert, eineinhalb Milliarden Dollar jährlich sind das Einsparziel.

"Forum für Medienerlebnisse"

Video sei einer der "game changer" in der zweiten Phase des Internets, erklärt Warrior: Das Netz werde in seiner zweiten Phase zum "Forum für Medienerlebnisse". Und Video sei "die natürlichste Art, sich zu verständigen", abgesehen von Face-to-face-Treffen. Unternehmen hätten Telepresence in ihre Arbeit integriert, einige Kunden würden mehr als 100 Tele-konferenzräume installiert haben. "Die Krise hat unserem Telepresence-System zu einem Durchbruch verholfen."

In China, Irland, Neuseeland und Kalifornien experimentiert Cisco inzwischen mit "HealthPresence", bei der ein Arzt oder eine Ärztin über hochauflösendes Video konsultiert werden kann, während gleichzeitig Gesundheitsdaten über Internet übermittelt werden. Auf der Consumer-Ebene soll Telepresence über hochauflösende TV-Bildschirme vielleicht schon in einem Jahr ins Wohnzimmer kommen. Auf Firmenebene sollen Videoclips auf Firmenblogs für lebendigen Kontakt zu Mitarbeitern und Kunden sorgen; darum habe Cisco das Start-up Pure Digital gekauft, dessen simple Flip-Videokamera in den USA zum Topseller wurde. Und das eben eröffnete Yankee-Stadium in New York hat Cisco um rund 16 Millionen Dollar mit interaktivem Video für die Zuseher vollgestopft - quasi Telepresence auf höchster Stufe.

Andere Strukturänderungen, deren enorme Anforderungen an Netze für Wachstum bei Cisco sorgen, seien "Cloud Computing" und "Kollaboration" - soziale Medien wie Facebook und Twitter und ihre Verbreitung im Geschäftsleben. Ihre eigenen "Tweets" - die maximal 140 Zeichen langen Kurzmeldungen auf Twitter - erhalten bereits mehr als 460.000 "Followers", "mehr als George Clooney", freut sich Warrior. (Helmut Spudich aus Boston, DER STANDARD Printausgabe 4. Juni 2009)

 

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Cisco

  • Firmenchef John Chambers

    Firmenchef John Chambers

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