Himmlisches und allzu Irdisches

4. Juni 2009, 02:35
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Jordi Savall und sein musikalisches Friedensprojekt "Jerusalem" Ende Juli in Graz

Sie ist eine der ältesten noch existierenden Städte der Welt und gleichzeitig wohl auch die umkämpfteste: Jerusalem steht bis heute im Brennpunkt politischer Auseinandersetzungen, ist es doch mit seinen für Juden, Christen und Moslems bedeutenden Stätten für drei Religionen heilige Stadt.

Jordi Savall widmet sich in seinem neuesten Projekt dieser "Stadt der zwei Frieden", was die hebräische Bezeichnung Jeruschalajim wörtlich übersetzt bedeutet. Traditionell ist damit zum einen der von etlichen Propheten vorausgesagte "himmlische Friede" gemeint; zum anderen der irdische, der freilich in der langen Geschichte Jerusalems meist trügerisch und nur von kurzer Dauer war.

Schmelztiegel der Traditionen

Auch Savalls Projekt gibt es in zweifacher Form: Einmal hat der katalanische Gambist im eigenen Label Alia Vox eine CD zusammen mit einem ausführlichen Buch herausgegeben; vor allem aber ist das Programm live zu erleben, das jene musikalisch-thematischen Konzepte fortsetzt, die Savall bereits rund um Don Quichotte oder Christopher Kolumbus entworfen hat.

Allerdings ist das Jerusalem-Projekt um einige Nummer größer als die Vorgängerprogramme, nicht nur wegen des immensen Aufwands, sondern vor allem auch wegen der komplexen Problematik und der Durchdringung verschiedener kultureller Traditionen in dieser Stadt, die immer einerseits ein Schmelztiegel und andererseits ein Konfliktherd zwischen den Völkern und Religionen war.

Das musste sich auch auf die Musik, die hier entstand oder die Stadt zum Thema hatte, auswirken. Für Thomas Höft, Dramaturg bei der Styriarte, ist Jerusalem "natürlich auch ein Brutofen der Kunst. So vielschichtig, so vielfarbig, so vielstimmig ist die Musik in dieser Stadt, zumal wenn man sie über Jahrtausende verfolgt, dass sich ein unglaubliches Kaleidoskop sinnlicher Eindrücke zusammensetzt."

Analog zu dieser "Vielstimmigkeit" geht das Jerusalem-Programm den zuweilen aufeinander folgenden, vor allem aber sich überlappenden und auch immer wieder überschneidenden Traditionslinien der Kulturen und Völker nach: So gibt es musikalische Porträts der jüdischen Stadt, der christlichen und der arabisch-osmanischen. Schließlich wird Jerusalem auch als Pilgerstadt und als Stadt des Asyls und Exils in den Blick genommen.

Das Einstürzen alter Mauern

Die Vielfalt, die sich musikalisch abzeichnet, scheint wie geschaffen für Savall und seine Mitmusiker, allen voran Sängerin und Gattin Montserrat Figueras, diesmal bereichert von Musikern aus dem nordafrikanischen und jüdischen Kulturkreis. Und in diesem gemeinsamen Musizieren, das Savall seit langer Zeit immer wieder auch mit Juden und Moslems pflegt, liegt auch etwas, das weit über das Künstlerische hinausweist und aus dem musikalischen - auch - ein Projekt des Friedens macht.

Allein die Resonanz, die dieser Brückenschlag bisher ausgelöst hat, zeigt das. Und nicht zuletzt ist es auch der musikalische Schlusspunkt des Projekts, der explizit anzeigt, worauf Savall und seine Mitstreiter abzielen. Die Fanfare, die am Ende ertönt und Gegen die Schranken des Geistes anklingen soll, wird von jenen orientalischen Posaunen und dem Widderhorn gespielt, die einst die Mauern von Jericho zum Einsturz gebracht haben sollen. Inzwischen haben sie neue Ziele gefunden: die realen und geistigen Mauern in Jerusalem und anderswo. (daen / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.6.2009)

 

Helmut-List-Halle, 25. 7., 20.00

  • Widmet sich der "Stadt der zwei Frieden": Jordi Savall.
    foto: kmetitsch

    Widmet sich der "Stadt der zwei Frieden": Jordi Savall.

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