Vertonte Punschkrapferln

4. Juni 2009, 17:01
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Überzüchtete Beach Boys und zerdehnte Süßwaren: Die US-Band veröffentlicht mit "Veckatimest" ein erstaunliches Konsenswerk

Es war unter anderem solche Musik, die irgendwann ein Völlegefühl aufkommen ließ, das nur noch unter Mithilfe von Punk wegzukriegen - nein - rauszukotzen war. Punk räumte mit überfrachteten Kompositionen, Kunstund Kopfmusik sowie der dazu notwendigen Virtuosität auf, machte Tabula rasa. Nur zur Erinnerung.

Das hilft im Falle von Grizzly Bear und ihrem neuen Album Veckatimest (schon wieder so ein schwieriger Albumtitel!) aber nicht wirklich weiter. Der Hype um das dritte Album der natürlich aus dem New Yorker Stadtteil Brooklyn kommenden Band nötigt einen aber geradezu, das Haar in der Suppe zu suchen. Denn wenn die sogenannte Fachpresse einen Jubelkanon anstimmt, wie er sonst nur das Ohr Kim Jong-ils erfreut, kitzelt das natürlich das Renitenz- und Misstrauensgen. Auch weil das fast schon obligatorische Auftauchen des Albums im Internet lange vor seinem regulären Erscheinen den Verdacht nährt, lediglich ein gezielt eingesetztes Instrument zeitgenössischen Marketings zu sein.

Und selbstverständlich kann man auf die hier strapazierte Opulenz allergisch reagieren, die Süße der vertonten Punschkrapferln unerträglich finden oder die Chöre in Richtung Kastrationsangst deuten. Schließlich kriecht Grizzly Bear den Beach Boys doch ein wenig sehr hinein und fährt ein Paul-McCartney-Gebeatle auf, das ebenfalls physische Reaktionen zeitigen könnte. Trotzdem: Damit lassen sich zwar kleine geschmäcklerische Scharmützel austragen, dem Album als Gesamtkunstwerk kommt man damit nicht bei. Veckatimest des Vierers Daniel Rossen, Christopher Bear, Ed Droste und Chris Taylor handhabt souverän Versatzstücke aus der Pophistorie unter besonderer Berücksichtigung genannter Vorreiter. Das ist schon länger nichts Neues, wird doch die Pophistorie oftmals als wesentliches Inspirationsgebiet herangezogen - siehe auch: Revivalkultur. Was Grizzly Bear aber von simplen Stilkopisten unterscheidet, ist, dass sie alles, was sie sich aneignen, seltsam verdreht, gebeugt oder zerdehnt an ihr Publikum weiterreichen. Das führt nicht nur zu einem als Selbstironie lesbaren Arbeitsansatz, es schafft in der gnadenlosen Konsequenz, mit der hier alle Schrauben noch ein Stück weiter angezogen werden, auch neue Ästhetiken, zumindest stellenweise.

Selten klangen Sixties-Melodien samt himmelwärts gerichtetem Chorgesang so schwindsüchtig, verdrogt und gleichzeitig nüchtern wie in der Folkballade Dory. Selten klangen Stücke, die wenig mehr als Skizzen sind, so ausgefeilt wie ein Ready, Able. Neben dem Wechselspiel von Überzüchtung und Reduktion garantiert der Einsatz elektronischer Mittel die Güte des Werks. Immerhin veröffentlicht Grizzly Bear auf dem britischen Label Warp, Heimat von mehrheitlich elektronischen Oberliga-Acts wie Aphex Twin, Autechre, Two Lone Swordsmen oder Harmonic 313. Da gehören ein bisserl elektronisches Zwitschern und ein paar Bässe aus dem zehnten Kellergeschoss quasi zur Imagepflege, man verknüpft gleichzeitig Pole wie die Laptop-Musik eines Christian Fennesz mit dem eins zu eins nachgestellten Sixties-Pop der Fleet Foxes, brennenden Fans des Bären. Das ist vielleicht das, was dieses Album letztlich ausmacht: seine Konsenstauglichkeit. Ohne diese plump zu betreiben. Veckatimest kann und wird man noch lange hören können - müssen. (Karl Fluch / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.6.2009)

 

Grizzly Bear: Veckatimest (Warp/Edel)

 

  • Picksüß. Opulent. Überkandidelt. Der hinterfotzige Grizzly Bear tut alles, was verboten ist - und kommt damit durch. Frechheit!
    foto: warp

    Picksüß. Opulent. Überkandidelt. Der hinterfotzige Grizzly Bear tut alles, was verboten ist - und kommt damit durch.
    Frechheit!

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