Ein Orpheus für Britanniens Würde

3. Juni 2009, 20:28
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Henry Purcell brachte einen spezifisch "englischen" Ton in die Musik und gilt vielen als wichtigster Komponist, den das Königreich je hervorgebracht hat - aber auch als ein Meister der Ironie

London hat er offensichtlich niemals verlassen, was ihn aber nicht daran hinderte, italienische und französische Einflüsse in seine Musik zu bringen und dabei der englischen Sprache eine geradezu affektauslösende Kraft abzuringen. So schwärmten jedenfalls schon seine Zeitgenossen, die ihn bald mit dem Beinamen "Orpheus britannicus" versahen.

Und obwohl Henry Purcell (1659-1695) kein besonders langes Leben vergönnt war, entstanden in den knapp zwei Jahrzehnten seines kompositorischen Schaffens neben umfangreicher Kirchen- und Kammermusik allein 43 Schauspielmusiken, eine Oper (Dido und Aeneas) sowie sechs sogenannte Semi-Operas.

Sein Genie zeigte sich in allen Gattungen und Musikarten: Sei es in der Streichermusik, die er für den Hof Georgs II. zu schreiben hatte und die in jenen bahnbrechenden Streicherfantasien mündeten, deren Kühnheit noch heute verblüfft - und in der Fantasia Upon One Note ihren experimentellen Gipfelpunkt fanden.

Sei es in der Orgelmusik, die eher als Nebenprodukt aus seiner Tätigkeit als hauptsächlich improvisierender Organist an der Westminster Abbey hervorging, seinen mehr als 100 Songs, Catches (Kanons), Oden und Welcome Songs, Anthems und Hymns.

Vor allem sind es aber doch die Kompositionen für das Theater, in denen Purcell seinen geradezu visionären Stil finden sollte: Unerreicht sind die Unmittelbarkeit des Ausdrucks im Vergleich zu jenen starren Affekten, die in der Opera seria seiner Zeitgenossen und noch lange nach ihm gepflegt wurden.

Weit seiner Zeit voraus ist die emotionale Wendigkeit, mit der Purcell die Klagegesänge seiner Bühnenfiguren gestaltete, aber ebenso heitere, ja bisweilen ironische Stimmungen zu evozieren wusste.

Dabei hatte er sich als Komponist allerdings zunächst einmal gegenüber den überkommenen englischen Dramenformen mit der traditionellen Dominanz des Sprechtheaters in Position zu bringen. Denn üblich war es, dass die Darsteller in der vorherrschenden Gattung der Semi-Opera in der Regel Schauspieler waren und sich nur in Ausnahmefällen mithilfe des Gesangs ausdrückten.

Auch bei der Semi-Opera König Arthur, die in Purcells Fassung zu einem der größten Erfolge in der Geschichte des englischen Theaters werden sollte, war das zunächst nicht anders. Dass der Komponist dabei offenbar einigen Gestaltungsspielraum nutzen konnte, verdankt sich vermutlich seinem Naheverhältnis zum Hof, dessen unverzichtbarer musikalischer Repräsentant er geworden war.

Nach der "Glorreichen Revolution" von 1688/89 und der Krönung von Wilhelm III. von Oranien und Maria II. Stuart hatte das Musiktheater einen neuen Stellenwert erhalten; alle Semi-Operas Purcells entstanden nach diesem unblutigen Umbruch.

Die prominente Position des Komponisten war es wohl auch, die ihm beim 1691 uraufgeführten König Arthur ein gewisses Mitspracherecht zusicherte. So wurden in dem bereits einige Jahre alten Libretto, in dem nur reine zwei Gesangsparts vorgesehen waren, nicht weniger als sieben Rollen Sängern zugeteilt, als sich Purcell zusammen mit seinem Librettisten John Dryden an die Umarbeitung machte.

Dabei ging es vordergründig auch darum, eine Identifikation von König Arthur, dem sagenhaften Helden aus dem Mittelalter, mit Wilhelm III. zu ermöglichen. Vieles spricht allerdings dafür, dass sowohl Purcell als auch der Dramatiker Dryden das Heldentum des Protagonisten nicht ganz ernst genommen haben können. Vielfach wurde der Musik ein ironischer Ton zugesprochen; allerdings ist der Held bereits auf der literarischen Ebene "gar nicht heldisch", wie Thomas Höft, der die Dialoge neu übersetzt hat, betont.

Alles für den Erfolg

Im Prolog beginnt nämlich der Darsteller der Titelfigur, das Publikum zugleich zu umschmeicheln und zu beleidigen: Der Dichter habe alles getan, um einen Erfolg zu erzielen und sich dafür sogar auf das niedere Niveau der Zuschauer begeben. In diesem Licht kann sogar der Untertitel von König Arthur oder Britanniens Würde als ironisch verstanden werden, und es gereichen das Werk und sein Komponist einer Eigenschaft zur Ehre, die bis heute als "truly British" gilt. (Daniel Ender / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.6.2009)

 

"King Arthur", Remise Mariatrost, 28. und 30. 6, 20.00; "Halleluja", Pfarrkirche St. Veit am Vogau, 28. 6., 18.00; "The Saxy Queen", Helmut-List-Halle, 13. 7., 20.00; "Golden Age", Minoritensaal, 17. 7., 20.00.

  • Musikalischer Exponent der "Glorreichen Revolution": Henry Purcell.
    foto: styriarte

    Musikalischer Exponent der "Glorreichen Revolution": Henry Purcell.

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