... und wo bleibt die Kunst?

3. Juni 2009, 19:24
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Europa droht zur geistigen Ruine unter der Herrschaft von Technokraten zu werden - Von Gerald Bast

Kunst- und kulturfrei war dieser Wahlkampf. - Aber wen wundert's? Wollte man von der EU-Politik auf die Europa schließen, man müsste den Eindruck gewinnen, Europa sei eine von Ackerbau, Viehzucht, Fischerei und Bankgeschäften geprägte Gesellschaft. 43 Prozent des EU-Budgets entfallen auf den Agrarsektor, 1 Prozent auf Bildung und Kultur.

Kunst und Kultur gelten als nationale Identitätsstifter. Eben deshalb herrscht ein striktes Subsidiaritätsprinzip: Agrarpolitisch, wirtschaftspolitisch, forschungspolitisch wird gesamteuropäisch gehandelt, kulturpolitisch wird das "Europa der Regionen" propagiert - mit der Konsequenz, dass Regionalismus, manchmal wohl auch Provinzialismus Vorschub geleistet wird. Es war noch nie so deutlich: Dem Projekt Europa laufen die Menschen davon: Verjagt von Angst- und Hassparolen oder abgedriftet aus purem Desinteresse.

Nicht dass Kunst und Kultur die Welt oder auch nur die EU retten könnten, aber gerade jetzt wäre es das Wagnis wert, sie auch als Instrument der Identitätsstiftung einzusetzen, als Instrument der Aufklärung, der Toleranz und der geistigen Offenheit. Ja mehr noch: Die EU muss jetzt Kunst- und Kulturkompetenz für sich in Anspruch nehmen - außer die EU-Institutionen wollen sehenden Auges das Projekt Europa gegen eine Wand aus Demagogie und Desinteresse fahren, indem sie die Emotionen den Demagogen und die Vernunft den Technokraten überlassen. Kunst und Kultur dürfen in der EU nicht länger nachrangige Politikmaterie sein. Kunst und Kultur müssen zu einem zentralen, dem Technologiebereich gleichrangigen Anliegen der EU werden!

Die Forschungs- und Technologiepolitik der EU ist ein Beispiel, wie man, ohne die nationale Politikkompetenz aufzuheben, Wirkung erzielen kann. Ein großes EU-Programm, die Schaffung Europäischer Exzellenzcluster für künstlerische Forschung und Entwicklung - das wäre das Gebot der Stunde.

2007 präsentierte Kommissionspräsident Barroso die "Kulturelle Agenda für Europa": Kultur und Kreativität sind danach Kern eines europäischen Projekts, das auf gemeinsamen Werten und einem gemeinsamen Erbe beruht und die Vielfalt anerkennt und achtet."

Da ist es wieder, das gemeinsame Erbe Europas. Wir sollten - endlich - auch wieder etwas dafür tun, dass dieses unser gemeinsames geistiges Erbe unter den Händen der Ökonomen und Technokraten nicht zur Ruine wird. Kunst wirkt! (DER STANDARD, Printausgabe, 4.6.2009)

Gerald Bast ist Rektor der Universität für angewandte Kunst Wien

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