1238 deutsche Unternehmen betteln um Geld vom Staat

3. Juni 2009, 19:14
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Kaum hat Opel die ersten 300 Millionen Euro vom Staat erhalten, da halten schon die nächsten Firmen die Hand auf

Kaum hat Opel die ersten 300 Millionen Euro vom Staat erhalten, da halten schon die nächsten deutschen Firmen die Hand auf und fordern Staatshilfe. Dabei zeigt sich die SPD freigiebiger als Kanzlerin Angela Merkel. 

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Berlin - Die deutsche Regierungschefin ahnt wohl, was auf sie zukommt und wiegelt gleich einmal ab: "Opel ist kein Präzedenzfall." Soll heißen: Nicht jedes angeschlagene Unternehmen, das sich jetzt an den Staat wendet, wird auch Geld bekommen. Die Liste der Bittsteller ist jedenfalls schon recht lange. 1238 deutsche Unternehmen fordern mittlerweile Geld von der staatlichen KfW-Bankengruppe (Kreditanstalt für Wiederaufbau).

Darunter sind auch sehr große und sehr prominente Firmen. Alleine für 20 Großbürgschaften soll der Staat - nach Ansicht der Unternehmer - sieben Milliarden Euro locker machen. Besonders dringend bittet der Mischkonzern Arcandor um Unterstützung. Das Unternehmen aus Essen (50.000 Mitarbeiter) führt die Warenhauskette Karstadt, Quellefilialen und ist via Thomas Cook auch am Reisemarkt aktiv. Arcandor hat einen Kredit über 200 Millionen Euro beantragt und will zudem eine Staatsbürgschaft von 650 Millionen Euro.

Am Montag will die Regierung ihre Entscheidung treffen. Doch Merkel macht dem Konzern schon jetzt wenig Hoffnung, zumal es eine privatwirtschaftliche Lösung gäbe. Konkurrent Metro, dessen Kaufhof-Häuser deutlich besser als die Karstadt-Filialen laufen, will zugreifen. Experten verweisen auch darauf, dass Arcandor nicht durch die Wirtschafts- und Finanzkrise in Not geriet, sondern durch Management-Fehler. Und in den Richtlinien für die Kreditvergabe steht, dass das betreffende Unternehmen nicht schon vor dem 1. Juli 2008 in Schwierigkeiten gewesen sein darf. Zudem muss es "grundsätzlich wettbewerbsfähig" sein und "positive Zukunftsaussichten" haben.

Die Union ist daher sauer auf den Koalitionspartner SPD. Ihm fehle "jedes Verständnis dafür, jetzt schon wieder Heilsversprechen zu geben, ja herauszublöken", sagt Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg und bezieht sich damit auf SPD-Chef Franz Müntefering. Der hatte zuvor mit Blick auf Arcandor erklärt: "Wir müssen da helfen." Eine Bürgschaft sei "notwendig und zukunftsträchtig". Guttenberg hingegen hatte schon gegenüber dem Opel-Rettungsplan große Skepsis gezeigt und war für eine "geordnete Insolvenz" eingetreten.

Ähnlich wie Arcandor wird der Fall Porsche gesehen. Der einst hoch profitable Sportwagenbauer ist durch Fehlspekulationen mit VW-Aktien zum Sanierungsfall geworden. Porsche-Chef Wendelin Wiedeking will ebenfalls die KfW anzapfen und hofft auf einen Kredit von 1,75 Milliarden Euro. Im Vorjahr hatte Wiedeking (wie auch Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann) noch erklärt, er würde sich für Staatshilfe schämen.

Auch Schaeffler will Hilfe

Arcandor und Porsche befinden sich immerhin in prominenter Gesellschaft. Unter den Bittstellern finden sich weiters: Die Österreicherin Maria-Elisabeth Schaeffler. Ihr Autozulieferer hat sich bei der Übernahme von Conti (Reifen) überhoben und soll vier Milliarden Euro benötigen. Der Chiphersteller Infineon braucht eine Bürgschaft über 500 Millionen Euro. Auf der Liste steht auch die Fiat-Nutzfahrzeugtochter Iveco.

"Heidelberg", der weltgrößte Druckmaschinenhersteller hat bereits eine Bürgschaft von rund 400 Millionen Euro und einen Kredit von 300 Millionen Euro bewilligt bekommen. Hilfe wurde außerdem der Wadan-Werft (Mecklenburg-Vorpommern) zugesagt. (Birgit Baumann, Berlin, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.6.2009)

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