Zugrunde ausgehen - in kürzester Zeit

3. Juni 2009, 18:34
5 Postings

Barbi Markovic clubbt mit Thomas Bernhard

Wien - "Die Kunst, gegen die Clubs zu clubben, sagt Milica, ist die Kunst, die die schwierigste ist. Gegen die Clubs, in die wir ausgehen, auszugehen, heißt gegen das Unerträgliche und gegen das Entsetzliche ausgehen, sagt Milica. Wenn wir nicht immerfort gegen die Clubs, in die wir gehen, ausgehen, sondern im Einklang mit den Clubs, in die wir gehen, sagt Milica, gehen wir in der kürzesten Zeit zugrunde."

Thomas Bernhard schrieb nicht nur die entsetzlichsten und unerträglichsten Wahrheiten in Bezug auf den Österreicher und seine geistige Befindlichkeit. Seine formale Wucht und Strenge lassen sich erstaunlicherweise ohne Problem auf andere Verhältnisse übertragen.

Die seit vier Jahren in Wien lebende, heute 28-jährige Belgrader Autorin und Germanistin Barbi Markovic veröffentlichte vor vier Jahren bei einem serbischen Verlag mit Ausgehen eine Paraphrase auf Thomas Bernhards Erzählung Gehen. Sie nahm dabei die Sprache und den Duktus des Autors und übertrug die grimmigen Dialoge dreier älterer Herren während ihrer Spaziergänge auf der Klosterneuburger Straße in Wien und dem Durchdrehen eines Protagonisten im Rustenschacher'schen Hosenladen auf drei junge Clubberinnen im Belgrader Nachtleben.

In der von flackerndem Stroboskop-Licht befeuerten Technoszene Belgrads und seiner feierwütigen wie natürgemäß völlig geistlosen Bewohner vollzieht sich laut Bernhards Vorgabe dort der soziale Selbstmord und die große Weltanklage der Clubberin Bojana. Während eines Auftritts des kanadischen Mininal-Techno-Stars Plastikman dreht sie durch:

"Wir haben nicht die Möglichkeit, das Belgrader Clubbing zu verlassen. Wir können nicht über Nichtverbleib oder Verbleib entscheiden. Alles was wir tun, ist nichts. Alles, was wir einatmen, ist nichts. Wenn wir ausgehen, gehen wir von einem Belgrader Club zum nächsten. Wir gehen und gehen immer von einer schlechteren Möglichkeit zur nächsten. Wegziehen, nichts anderes als aus dieser Stadt wegziehen, wiederholte Bojana, so Milica, immer wieder."

Endlose Wiederholungen mit langsamer Steigerung bezüglich Dynamik und Intensität; die freie Bearbeitung dieser mehr dem Konzeptuellen als dem spontanen Einfall zugeneigten Aneignungskunst. Dieser Sound geht ins Mark - vor allem aber geht er ins Bein: Man könnte Ausgehen auch als forschen Remix betrachten. DJane Barbi nimmt sich der heute etwas mit Patina versehenen Kunst eines Gründervaters der elektronischen Musik an. Sie knallt ihn der Weltjugend mit unwiderstehlichen 140 Beats pro Minute um die Ohren.

Einen zusätzlichen Verfremdungseffekt erzielt dabei die Übersetzerin Mascha Dabic. Sie übertrug Bernhard via Markovic vom Serbischen zurück ins Deutsche. Der Remix als Re-Remix, erschienen bei Suhrkamp. Der Tanzflächenfüller des Jahres! (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.6.2009)

 

Barbi Markovic - Lesung am Do, 4. 6., im Rhiz, 1080 Wien, Stadtbahnbögen 37/38. Ab 22.00 Uhr

  • Remix-Autorin Barbi Markovic
    foto: rhiz

    Remix-Autorin Barbi Markovic

Share if you care.