"Wir haben weniger Müll und höhere Kosten"

3. Juni 2009, 16:22
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Mit der Wirtschaftskrise wird auch der Abfall weniger, sagt Hans Roth, Chef von Saubermacher

Mit der Wirtschaftskrise wird auch der Abfall weniger, sagt Hans Roth. Mit Verena Kainrath sprach der Chef von Saubermacher über illegale Exporte, und was es heißt, einen 50 Kilo schweren Müllkübel zu heben.

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STANDARD: Ertappen Sie sich mitunter dabei, den Müll nicht vorschriftsgemäß zu trennen?

Roth: Wenn, dann waren es lässliche Sünden. Ich gelte auch in meiner Familie als einer, der im Müll stierlt und trennt. Ich bin dahinter, Vorbild zu sein. Es macht ja ökologisch und wirtschaftlich Sinn.

STANDARD: Die Trennmoral der Ös-terreicher hat in den vergangenen Jahren aber abgenommen.

Roth: Es läuft immer noch gut. Aber wenn McDonald's die Hamburger nicht bewirbt, kauft sie auch keiner. Es muss daher auch fürs Mülltrennen laufend geworben werden. Je weniger im Restmüll landet, desto billiger wird die Müllabfuhr.

STANDARD: Wie viel genau kostet uns die Entsorgung eigentlich?

Roth: 60 Prozent der Österreicher sagen, sie sei ihnen zu teuer. Dabei wissen 70 Prozent gar nicht, was sie kostet. In der Steiermark sind es im Schnitt für eine Familie 13 bis 15 Euro im Monat. Wir sind schon Getriebene: Wir sollen billiger und ökologischer zugleich werden.

STANDARD: Abfallberge wachsen und schrumpfen mit der Konjunktur ...

Roth: Mit dem Wirtschaftswachstum ist auch das Müllaufkommen gestiegen. Heuer zeichnet sich ein Rückgang ab. Der Hausmüll sank bei uns seit Oktober um fünf Prozent, obwohl Konsum und Handel noch stabil sind. Starke Rückgänge gibt es bei Gewerbemüll, vor allem aus der exportierenden Industrie. Ich gehe hier von einem Minus zwischen 15 und 25 Prozent aus.

STANDARD: Was heißt das in der Folge für die Auslastung Ihrer Branche?

Roth: Wird weniger produziert, gibt es weniger Abfall. Wir müssen uns anpassen: So manche Anlage wird nicht mehr kostendeckend arbeiten können. Das Bestreben muss es sein, Anlagen und Fuhrparks auszuloten, da und dort stillzulegen, mit anderen zu kooperieren.

STANDARD: Preise für viele Altstoffe sind eingebrochen. Ist die goldene Zeit der Abfallwirtschaft vorbei?

Roth: Zweistellige Ebits hat es bei uns nie gegeben. Ich bin dennoch dankbar für die vergangenen guten Jahre. Jetzt haben wir eben weniger Müll und höhere Kosten, der Aufwand ist gestiegen. Sorge bereitet uns, dass wir zuletzt mehr in die Anlagen investieren mussten und mehr Geld gebunden ist. Wir brauchen jetzt bessere Spannen, um das wieder zu verdienen.

STANDARD: Erwarten Sie Verluste?

Roth: Saubermacher hat 29 Jahre lang keinen Verlust gemacht, und ich will das auch weiterhin schaffen. Wir sind nach wie vor gut mit Eigenkapital ausgestattet, und wir sind auf die Krise vorbereitet.

STANDARD: Bauen Sie Jobs ab?

Roth: Wir hatten im Juli 2008 große Entwicklungspläne, wir wollten massiv wachsen und investieren. Inzwischen haben wir die Aufnahme an neuen Leuten gestoppt, offene Stellen intern oder nicht nachbesetzt; Mitarbeiter mussten auch auf Prämien verzichten. Aber solange nicht der "worst case" eintritt, will ich meine Leute halten.

STANDARD: Was halten Sie von Lohnverzicht als Rezept gegen die Krise?

Roth: Das ist nur ein Mittel, wenn es wirklich um die Existenz der Firma geht. Wir planen das nicht.

STANDARD: Sie waren einer der Pioniere im Osten. Die Märkte sind nun eingebrochen, Währungen im freien Fall. Rächt sich die Expansion?

Roth: Ich bin in einer kleinen Region aufgewachsen, ohne große Möglichkeiten. Es ist mir zu eng geworden, darum bin ich in den Osten. Und ich glaube weiter an ihn, es ist dort in der Abfallwirtschaft viel zu tun. Wir sind stark in Tschechien, Ungarn und Slowenien. Dort spüren wir noch keinen gravierenden Markteinbruch. In Rumänien und Bulgarien waren Firmenkäufe angedacht, das ruht nun. Es gibt für uns aber auch in Zentraleuropa genug Chancen. Wir brauchen etwa eine noch größere Reinheit an Abfallstoffen, wir müssen Recyclingprodukte gezielter produzieren.

STANDARD: Staub aufgewirbelt hat illegaler Müllexport in den Osten ...

Roth: Ich will das alles nicht bagatellisieren. Die Mengen, um die es hier gehen soll, werden aber überbewertet. Wenn hier was passiert, dann stecken illegale Händler dahinter, Leute, die von den Preisunterschieden angezogen werden, die riechen, dass hier was zu holen ist. Die kommen nicht aus der organisierten Abfallbranche, da sind keine namhaften Entsorger darunter. Es wird aber auf jeden Fall stärker kontrolliert werden müssen.

STANDARD: Warum muss Müll überhaupt exportiert werden?

Roth: Wir hatten zu wenig Kapazität in Österreich. Daher kam es zu Exporten. Umgekehrt wird ja auch Abfall importiert. Wir selber erzeugen daraus Brennstoff, weil ich die Müllaufbereitung und Herstellung von Ersatzbrennstoff für intelligenter halte als Verbrennung. Wir liefern ihn auch nach Zentraleuropa. Das ist genehmigter Export.

STANDARD: Wie lassen sich Probleme rund um Elektroschrott in den Griff bekommen? Er wird immer öfter in Afrika und Asien unter menschenunwürdigen Bedingungen zerlegt.

Roth: Die Gemeinden und Firmen haben ihn in der Hand. Sie müssen genauer hinschauen, wem sie ihn übergeben. Auch Auftraggeber haben Verantwortung. Es braucht zudem mehr Stichprobenkontrollen.

STANDARD: Moderne Sortieranlagen spielen alle Stückerln.Was ist denn technologisch noch alles drinnen?

Roth: Wir haben jetzt schon viele Träume verwirklicht, etwa mit der Produktion von Brennstoff. Zu den nächsten Herausforderungen zählt die Entsorgung von Batterien für Hybridfahrzeuge. Was das Sortieren betrifft, sorgen wir dafür, dass unsere Mitarbeiter weniger oft in den Müll greifen müssen. Ich habe selber sortiert und weiß, was das für harte Arbeit ist. Aber natürlich werden durch die Maschinen auch Arbeitsplätze wegrationalisiert.

STANDARD: Sie lassen Ihre Manager selbst Hand an den Müll legen?

Roth: Sie arbeiten einmal jährlich als Lagerfahrer oder Sortierer. Damit sie sehen, was es heißt, einem anzuschaffen, dass er rascher greifen soll. Oder wie es ist, wenn man einen 50-Kilo-Müllkübel hebt.

STANDARD: Etliche Ihrer Mitarbeiter wurden auch von Shaolin-Mönchen trainiert. Hat das was genutzt?

Roth: Man geht alles bewusster und ruhiger an, ist freundlicher. Es geht um eine Wertschätzung der Mitarbeiter. Als ich an die Börse wollte, haben mir viele gesagt, die Analysten werden dir die Wadln vorwärts richten, aber Saubermacher ist keine Cashcow mit hohen Dividenden. Ich habe daher einen Ethikkodex verfasst, wie man umwelt- und menschengerecht wirtschaftet.

STANDARD: Ihr Konzern stand kurz vorm Börsengang, Sie haben in letzter Sekunde die Reißleine gezogen.

Roth: Alle gratulieren mir, dass ich so gscheit war. Ich muss fairerweise sagen, der Markt hat mich dazu gebracht. Ich hatte schon lange den Eindruck, dass die Veränderungen stärker sind, als viele erwartet haben. Aber ich bereue nicht, was ich zuvor dafür getan habe. Wir sind in eine andere Welt vorgestoßen.

STANDARD: Wagen Sie eine Einschätzung, wann die Krise vorbei ist?

Roth: Vermutlich erst 2011. Es wurden Überkapazitäten geschaffen, die nicht natürlich waren. Ich gehe davon aus, dass wir uns künftig mit 70 bis 80 Prozent der vergangenen Umsätze zufrieden geben müssen. Das ist vernünftig und machbar.

STANDARD: Ist das Konjunkturpaket der Regierung effektiv genug?

Roth: Ich habe das Gefühl, dass viel gemacht wurde. Aber kann eine Regierung wirklich die Konjunktur ankurbeln? Ich könnte investieren, aber ich tue es nicht, weil ich mir Sorgen mache: Was, wenn der Export nicht anspringt, was, wenn zu wenige Aufträge hereinkommen, wenn es meinen Kunden nicht besser geht. Mit Geld allein lässt sich keine Konjunktur entwickeln.

STANDARD: Sie und Ihre Geschwister haben Unternehmen in verschiedenen Branchen aufgebaut, mit unterschiedlichen wirtschaftlichen Erfolgen. Gab es niemals Brotneid innerhalb der Familie?

Roth: Mein Vater hat immer gesagt, er sei so stolz auf seine Kinder, aber seine scharfe Hand sei schon wichtig gewesen. Ich habe dann immer gemeint, ich hätte zwar große Ehrfurcht vor ihm, aber viel könne er dazu nicht beigetragen haben, weil er ja nie daheim war. Unser Glück waren diese vielen Sparten. Ich habe neue Geschäfte begonnen, es gab für jeden ein Betätigungsfeld, keiner musste anderen was wegnehmen. Krisen hat jeder erlebt, aber wir haben uns stets geholfen. (Verena Kainrath, DER STANDARD, Printausgabe, 4.6.2009)

Zur Person

Hans Roth (62) baute von Graz aus Österreichs größten privaten Abfallentsorger auf. Saubermacher sammelt, sortiert und verwertet Müll von 40.000 Betrieben und 1600 Gemeinden im Inland und in Osteuropa. 2700 Mitarbeiter setzen 220 Millionen Euro um. Die Familie des Steirers zieht auch die Fäden im Ölhandel, im Modegeschäft, in der Baumarktbranche und im Logistikgewerbe.

 

  • Hans Roth: "Ich bin in einer kleinen Region aufgewachsen, ohne große Möglichkeiten. Es ist mir zu eng geworden.
    foto: saubermacher

    Hans Roth: "Ich bin in einer kleinen Region aufgewachsen, ohne große Möglichkeiten. Es ist mir zu eng geworden.

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