Kunstunis: Wissenschaftsrat fordert Innovation

4. Juni 2009, 13:00
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Uni-Senate befürchten "Entdemokratisierung"

Wien - Mut zu Innovation, Orientierung an Entwicklungen in der internationalen Kunstausbildung, mehr Kooperationen mit anderen Unis sowie den Creative Industries und weitere Fokussierung auf die Forschung - das sind die wesentlichen Empfehlungen des Österreichischen Wissenschaftsrats an die sechs Kunstuniversitäten, die Ratspräsident Jürgen Mittelstraß am Mittwoch bei einer Pressekonferenz präsentiert hat. Derzeit stünden die Kunstunis "in mancherlei Hinsicht an einem Scheideweg", so Dame Janet Ritterman, Leiterin der Arbeitsgruppe zu den Kunstunis im Rat. Dabei würden sie Unterstützung der Wissenschaftspolitik benötigen, vor allem über den Ausbau von Förderungen und etwa den Aufbau einer nationalen Stiftung zur Unterstützung junger Künstler.

Bisher seien an den Kunstunis nicht alle Voraussetzungen so gestaltet, dass sie die Arbeitsweise und Prioritäten der jeweiligen Einrichtung berücksichtigen, so Ritterman. Die Kunstunis müssten etwa den Ausländeranteil berücksichtigen, der bei ihnen doppelt so hoch wie an wissenschaftlichen Unis sei. "Um ihren internationalen Ruf zu bewahren und zu stärken, den sie in den vergangenen 30 bis 40 Jahren gewonnen haben", müssten die Kunstunis die Entwicklungen der Kunstausbildung außerhalb Österreichs nachvollziehen. Mittelstraß warnte jedoch davor, diese Aufforderung als Abkehr von der heimischen Geschichte und Tradition misszuverstehen. Es müsse eine Balance gefunden werden.

Bologna-Herausforderungen

Auch das Studienangebot müsse ausbalanciert sein: So legt der Wissenschaftsrat in seinem Papier etwa dem Mozarteum Salzburg nahe, sich von seinen kleineren Sparten der Lehrerausbildung zu trennen und sich auf seine Stärken zu konzentrieren. Prinzipiell spricht sich der Rat aber für einen Erhalt aller sechs Kunstunis aus, eventuelle Zusammenlegungen würden laut Mittelstraß zu Lasten von Lehrenden und Studenten gehen. Allerdings forderte er mehr Kooperation bei der Lehre; auch der Kontakt nach Außen, etwa zu den Creative Industries, müsse verstärkt werden.

Beim Ausländeranteil stellt sich für Ritterman die Frage: "Wie viel ist zu viel?" Unter den Klavierstudenten gebe es etwa nur 13 Prozent Österreicher. Mit ein Grund dafür sei, dass ausländische Studenten oft schon mit einer abgeschlossenen Ausbildung nach Österreich kämen. Die Ausbildung an Musikschulen in Österreich und die Verschränkung von höheren Schulen und Musikunis sei "in vieler Hinsicht optimierbar", so Mittelstraß.

Ritterman nannte als internationale Herausforderungen die Bolognareform, die nicht nur eine Veränderung der Struktur, sondern auch der gesamten Kultur des Lehrens und Lernens bedeute. Bei den Doktoratsprogrammen müssten Österreichs Kunstunis versuchen, "die klügsten Köpfe auf Dauer zu halten". Mittelstraß wies jedoch darauf hin, dass der Forschungsbegriff der wissenschaftlichen Unis für die Kunstunis noch relativ neu sei und die Fokussierung auf Entwicklung und Erschließung der Künste "bisher vielleicht nicht diese entscheidende Rolle spielte".

Kahlschlag bei Entscheidungsbefugnissen?

Die Senate der sechs Kunstuniversitäten Österreichs befürchten im Zuge der geplanten Novelle zum Universitätsgesetz (UG) eine "Entdemokratisierung" und sprachen sich am Donnerstag in einer Aussendung "vehement gegen die Entmachtung der Senate" aus. Zudem müsse die Sonderstellung der Kunstuniversitäten berücksichtigt werden. Minister Hahn will die UG-Novelle kommenden Dienstag dem Ministerrat zum Beschluss vorlegen.

Auf Leitungsebene seien die Senate die einzigen demokratisch gewählten Gremien an den Unis, in denen alle Personengruppen einer Hochschule vertreten seien. Aus diesem Grund sind die Senatsvorsitzenden gegen den Wegfall der Entscheidungsbefugnisse der Senate, etwa bei allen Entscheidungen über den Studienplan und das Prozedere bei der Rektorswahl.

Hahn hatte die Novelle zum UG bereits im vergangenen Jahr vorgelegt und in Begutachtung geschickt. Sie konnte allerdings aufgrund des vorgezogenen Wahltermins nicht mehr beschlossen werden. Hahn will nun die Novelle ohne Begutachtung gleich dem Ministerrat vorlegen, sie soll noch vor dem Sommer im Parlament beschlossen werden.

Stichwort: Kunstuniversitäten

In Österreich gibt es sechs Kunstuniversitäten, an denen laut Daten des Wissenschaftsministeriums im Wintersemester 2008/09 insgesamt rund 10.200 Studenten inskribiert waren. An allen Kunstunis muss vor Beginn des Studiums eine Zulassungsprüfung abgelegt werden, allerdings ist in vielen Fällen keine Matura als Voraussetzung nötig. Seit 1998 sind die ehemaligen Kunst-Hochschulen Universitäten und den wissenschaftlichen Unis, was die Autonomie von Ausbildung und Forschung betrifft, gleichgestellt.

Österreichs größte Kunstuni ist mit 2.983 Studenten die Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, gefolgt von ihrem Pendant in Graz (1.917 Studenten), dem Mozarteum Salzburg (1.656 Studenten) und der Universität für Angewandte Kunst in Wien mit 1.499 Studenten. Jeweils rund 1.100 Studenten gibt es an der Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung in Linz und der Akademie der bildenden Künste Wien.

Eine Reifeprüfung ist - neben einer bestandenen Zulassungsprüfung - an den Kunstuniversitäten nur Voraussetzung für Lehramtsstudien, Architektur, Musiktherapie, Industrial Design, Elektrotechnik-Toningenieur und Regie. (APA)

 

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