Poröse Knochen viel zu spät diagnostiziert

3. Juni 2009, 12:01
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Experten fordern frühere Diagnose und Therapie - Kritik: Nicht einmal knapp ein Viertel der Menschen, die an Osteoporose leiden, erhalten angemessene Therapie

Wien - "Mit dem kontinuierlichen Anstieg des Durchschnittsalters steigt in der Europäischen Union auch die Häufigkeit der Osteoporose kontinuierlich an, was für betroffene Individuen und die Gesellschaft zu einem bedeutsamen Problem wird", betont  Wolfhart Puhl, Past President der European Federation of National Associations of Orthopaedics and Traumatology (EFORT) vom Orthopädikum Allgäu in Deutschland, beim Europäischen Orthopädiekongress in Wien. Die Dimension werde häufig unterschätzt und von Politik und Kostenträgern nicht ausreichend in die Planung mit einbezogen.

Erste Hinweise

Orthopäden und orthopädische Chirurgen spielen eine besonders wichtige Rolle in der Diagnose und Behandlung der Osteoporose. Häufig ist ein Knochenbruch der erste Hinweis auf diese Erkrankung.

Schenkelhalsfrakturen so tödlich wie Brustkrebs

Dass sich die Orthopädie-Spezialisten auf ihrem Kongress in Wien mit dem Thema Osteoporose beschäftigen, ist nicht nur von medizinischer, sondern auch von großer gesundheitspolitischer Relevanz: Schließlich hat sich das Problem der altersbedingt abnehmenden Knochendichte mit dem hohen Risiko, dass es schon aus nichtigem Anlass zu Knochenbrüchen kommt, in Europa zur regelrechten Volkskrankheit entwickelt. Statistisch gesehen hat heute eine 50jährige Europäerin ein gleich großes Risiko, an Brustkrebs oder an einem Oberschenkelhalsbruch zu versterben. Allein in Deutschland leiden dem EU-Osteoporosebericht 2008 zufolge bereits rund acht Millionen Menschen an Osteoporose, EU-weit gehen die Experten von fast 48 Millionen Betroffenen aus - und die Häufigkeit nimmt schon aufgrund der demographischen Entwicklung weiter zu.

Nur knapp die Hälfte der Erkrankten wird überhaupt korrekt diagnostiziert, und nicht einmal ein Viertel von ihnen bekommt eine sachgerechte Therapie, so Puhl. Die Folgen sind dramatisch: In Deutschland allein sind jährlich 120.000 Schenkelhalsfrakturen aufgrund von Osteoporose zu verzeichnen, EU-weit sind es mehr als eine Million.

Früherkennung besonders wichtig

Schon bei der Früherkennung gäbe es massive Defizite: In einer Reihe von europäischen Ländern würde die Möglichkeit der Knochendichtemessung immer noch sehr selten eingesetzt - dies vor allem aufgrund fehlender Kostenerstattung.

Knochenbrüche bei Osteoporose-Patienten brauchen ganz andere Behandlungsansätze als Frakturen bei jüngeren, gesunden Menschen: "Die Knochen sind poröser, die Betroffenen leiden an vielen verschiedenen Erkrankungen. Wichtig ist hier etwa, dass die Fraktur möglichst rasch operativ versorgt wird und die Patienten nach dem chirurgischen Eingriff auch wieder möglichst rasch auf die Beine kommen", so der Experte. Eine interdisziplinäre Betreuung - unter anderem unter Einbeziehung von geriatrischen Spezialisten - sei hier von besonderer Bedeutung.

Neuer Ansatz: Unzementierte Prothesen

Eine Rolle in der Behandlung von Osteoporose-Frakturen spielen auch Besonderheiten der Knochenheilung. Im osteoporotischen Knochen kann man nicht den gleichen Heilungsverlauf erwarten wie im gesunden, das ist auch wichtig für die Frage, ob und welche Implantate im Bedarfsfall gesetzt werden. Hier gibt es neue Ansätze. Galt bisher bei älteren Patienten der Einsatz von Knochenzement als Standard, so zeigen beim Kongress Forschergruppen neue Daten, denen zufolge Endoprothesen auch ohne Zement-Fixierung im osteoporotischen Knochen gut verankerbar sind.

Biomechanik

Neuigkeiten präsentieren Forscher beim EFORT-Kongress auch zum Thema Biomechanik der Knochen. Mit diesem Begriff beschreiben Experten jene ständigen Anpassungsprozesse, die der Knochen- und Bindegewebsapparat vornimmt, um auf Anforderungen von außen wie Körpergewicht oder Bewegung zu reagieren. „Wir können heute die Biomechanik der kleinsten Knochentrabekel immer besser verstehen. Das könnte uns auf den Weg von neuen Therapien führen, die Knochenheilung und Knochenwachstum fördern", erklärt Puhl. Knochentrabekel sind kleine Bälkchen aus Knochengewebe, aus denen der schwammartige Innenraum der Knochen aufgebaut ist.

Forschungsansätze

Ein Forschungsansatz besteht etwa darin, die molekularen und zellulären Mechanismen der gestörten Knochenheilung zu erfassen. Mit diesem zusätzlichen Wissen sollen neue therapeutische Möglichkeiten und Strategien entwickelt werden, mit denen sich die Heilung beschleunigen und die Stabilisierung des Knochens operativ verbessern lässt. Einen anderen Ansatz verfolgt eine Forschergruppe aus Ulm: Wer sich bewegt, regt den Aufbau von Knochengewebe an. Die Wissenschafter wollen herausfinden, wie genau der Bewegungsreiz in der Zelle aufgenommen und in einen Befehl zum Zellwachstum umgewandelt wird. Langfristiges Ziel dabei ist es, diesen Befehl statt durch Bewegung zum Beispiel durch ein Medikament auslösen zu können. (red, derStandard.at)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Unterschied zwischen einem gesunden und einem kranken Knochen

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