"Ich fühle mich nicht wie 70, sondern 50"

7. Juni 2009, 19:27
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Eine 70-jährige Frau berichtet im dieStandard.at-Interview über Wechselbeschwerden, getrennte Geschlechterrollen und Diskriminierung von Hausfrauen

70 Jahre Lebenserfahrung, 50 Jahre Ehefrau, Mutter und Hausfrau. G.T. (die Initialen wurden zum Schutz der Anonymität der Interviewten von der Redaktion erfunden) erzählt im Gespräch mit Dagmar Buchta, dass es nicht immer leicht war, die zu ihrer Zeit übliche Frauenrolle einzunehmen, wie sie damit umgegangen ist und heute ihr Leben – fast immer – in vollen Zügen genießt.

dieStandard.at: Sie sind 70 Jahre alt und leiden noch immer unter Hitzewallungen? Waren die durchgängig da?
G.T.: Eigentlich schon, aber seit ein, zwei Jahren sind sie intensiver geworden. Ich denke mir, das gibt's doch nicht, das muss doch einmal aufhören.

dieStandard.at: Was sagt Ihre Ärztin bzw. Ihr Arzt dazu?
G.T.: Männliche Hormone werden jetzt abgebaut, das sind die angeblichen Gründe. Aber er gibt mir nichts (keine Hormonsubstitution, Anm.).

dieStandard.at: Haben Sie ihn darum gebeten?
G.T.: Er hat gemeint, dass wird schon vergehen. Er könnte mir vielleicht helfen, aber scheinbar will er nicht. Ich habe mir überlegt, woanders hinzugehen.

dieStandard.at: Wann und wie oft tauchen diese Wallungen auf?
G.T.: Zehnmal am Tag. Besonders im Sommer ist es schlimm. Die Hitze steigt ganz schnell in den Kopf und du glaubst, es stellt dir die Haare auf, am Körper schwitzt man gar nicht so arg. Aber der Kopf ist zum Explodieren.

dieStandard.at: Und wie lange dauert die Hitze an?
G.T.: Eh nur kurz, vielleicht eine Minute, dann ist es wieder vorbei, aber sehr intensiv und unangenehm. Im Winter muss ich immer wieder ins Freie rennen.

dieStandard.at: Haben Sie versucht mit Ernährung, Nahrungsergänzung und Sport die Beschwerden zu lindern?
G.T.: Früher habe ich es mit Sojadrinks probiert, aber die haben mir nicht geschmeckt und viel anders habe ich mich damit auch nicht gefühlt. Nahrungsergänzung, nein und Sport, da bin ich faul.

dieStandard.at: Können Sie sich noch erinnern, wann Sie in die Wechseljahre gekommen sind?
G.T.: Mit 50 hatte ich eine Totaloperation, ich hatte immer wieder Entzündungen und Geschwüre und die OP war dann für mich die Lösung. Ich habe das nie bereut. Viele Frauen jammern nach einer solchen Operation, dass es ihnen so schlecht geht. Ich war nur von einem Tag zum anderen im Wechsel und bekam Hormone. Aber Depressionen so wie viele andere hatte ich danach nicht.

dieStandard.at: Und wie lange haben Sie Hormonpräparate eingenommen?
G.T.: So etwa bis vor fünf Jahren. Davor wurden die Tabletten stufenweise abgesetzt.

dieStandard.at: Und die haben Sie gut vertragen?
G.T.: Ja, im Prinzip schon. Ich bin eine Tablettenschluckerin, ich vertraue darauf, dass es mir hilft, wenn ich etwas verschrieben bekomme.

dieStandard.at: Haben Sie sich selbst über das Klimakterium informiert? Literatur dazu gelesen und sich mit Freundinnen ausgetauscht?
G.T.: Einmal habe ich ein kleines Buch gelesen, das war eher gegen Hormone und alternativ. Aber ich habe das nicht ausprobiert. Und ja, mit Freundinnen habe ich schon immer wieder darüber geredet, wie es denen damit geht.

dieStandard.at: Ist das Thema Wechseljahre für Sie positiv oder negativ besetzt oder ganz natürlich?
G.T.: Das ist normal, gehört eben dazu.

dieStandard.at: Und das Älterwerden insgesamt?
G.T.: Ich habe keine Angst vorm Älterwerden. Ich fühle mich auch nicht wie 70, sondern wie 50. Und als ich in den Wechsel kam, dachte ich: Jetzt kommt eine schöne Zeit. Alle sind versorgt. Das ist eine Einstellung. Das tut ja nicht weh, die Falten tun ja auch nicht weh.

dieStandard.at: Haben Sie das Gefühl, dass ältere Frauen in unserer Kultur zu wenig Anerkennung bekommen?
G.T.: Eigentlich nicht, ich bekomme in der eigenen Familie genug Anerkennung. Das Einzige, das mich stört ist, dass es in der Gesellschaft noch immer so ist, dass du mit einem Job mehr giltst.

dieStandard.at: Fühlen Sie sich als "Nur"-Hausfrau diskriminiert?
G.T.: Heute nicht mehr, weil jetzt ja alle in meinem Alter in Pension sind. Aber vor 20 Jahren war das schon ein Problem. Die, die arbeiten gegangen sind, haben mich das spüren lassen. Die Hausfrau war nichts wert. Das hat mich schon gekränkt.

dieStandard.at: War die Arbeitsteilung in Ihrer Ehe immer strikt getrennt?
G.T.: Ja, sehr strikt. Es war klar, er hat seinen Beruf und ich mache alles andere. Bis auf die "männlichen" Arbeiten wie Reparaturen. Und im Garten hat er auch geholfen.

dieStandard.at: Und wie ist das jetzt, nachdem Ihr Mann in Pension ist?
G.T.: Noch immer so, im Haus mache ich alles alleine, ich habe auch keine Hilfe. Mein Mann geht manchmal einkaufen und ab und zu hilft er im Garten.

dieStandard.at: War die finanzielle Abhängigkeit je ein Problem für Sie?
G.T.: In den ersten Ehejahren schon, weil ich das Gefühl gehabt habe, ich kann nichts beitragen. Wir haben ganz bescheiden begonnen, ohne Fließwasser in dem kleinen Haus damals. Und ich hätte gerne Geld beisteuern wollen.

dieStandard.at: Würden Sie, wenn Sie heute jung wären, es anders machen?
G.T.: Ja, ich würde einen Beruf wollen, damit ich, wenn's wirklich nicht geht, unabhängig sein könnte.

dieStandard.at: Gab es Phasen, in denen Sie darunter gelitten haben, abhängig zu sein?
G.T.: Ja, in den ersten Jahren, da habe ich auch manchmal geheult.

dieStandard.at: Und haben Sie das ihrem Mann mitgeteilt?
G.T.: Nein, ich habe nie darüber geredet. Ich habe mir gedacht, das bringt nichts. Und ich habe mich daran gewöhnt, es ist halt so wie es ist. Und vielen Frauen in meiner Generation geht es ähnlich.

dieStandard.at: Würden Sie es gut finden, wenn Hausarbeit bezahlte Arbeit wäre?
G.T.: Ja, das wäre sehr gut, dann hätten die Hausfrauen mehr Anerkennung.

dieStandard.at: Wie lange ist es her, dass Ihre Kinder ausgezogen sind? Wie war das für Sie? Hatten Sie das berühmte "Leere-Nest-Syndrom"?
G.T.: Meine Tochter ist 1983 ausgezogen, mein Sohn 1985. Erleichtert war ich nicht, sie sind mir schon abgegangen, aber ich habe ja weitergemacht, jeden Tag für alle gekocht und immer meine Enkerl betreut.

dieStandard.at: Das tun Sie nach wie vor?
G.T.: Ja, täglich kommen alle zum Essen oder ich gebe ihnen etwas mit.

dieStandard: Und was machen Sie am liebsten, haben Sie ein Hobby?
G.T.: Die Haus- und Gartenarbeit sind mein Hobby. Es erfüllt mich, wenn ich noch alles selbst machen kann und alles in Ordnung ist.

dieStandard.at: Gibt es etwas, das Sie unbedingt noch in Ihrem Leben machen möchten?
G.T.: Weiterhin reisen. Seit meinem 50er reise ich mit einer Gruppe. Da habe ich mich durchgesetzt. Mein Mann reist nicht gerne, deshalb tue ich das alleine. Und solange ich gehen kann, möchte ich reisen. (dabu/diestandard.at, 07.06.2009)

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