Jugend weiß mit Tiananmen nichts anzufangen

3. Juni 2009, 09:25
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Unkenntnis und Gleichgültigkeit 20 Jahre nach dem Blutbad

Kaifeng - Am Abend des 3. Juni 1989, als Gerüchte über einen drohenden Militäreinsatz gegen die Demonstranten in Peking hochkochten, setzten bei Feng Shijes Frau in Kaifeng die Wehen ein. Der Knabe, der am Morgen des 4. Juni zur Welt kam, besucht heute die Universität. Nach den Vorlesungen spielt er Online-Spiele oder wirft ein paar Körbe auf dem Basketballplatz. Er weiß Bescheid über die neuesten Hollywood-Filme und die Tabelle der US-Basketball-Liga. Aber er weiß so gut wie nichts über Chinas Demokratiebewegung, die am Tag seiner Geburt blutig niedergeschlagen wurde. "Meine Eltern haben mir erzählt, dass an meinem Geburtstag irgendwas auf dem Tiananmen-Platz passiert ist, aber ich weiß keine Einzelheiten", sagt Feng Xiaoguang. Der Grafik-Design-Student in Imitaten von Nike-Schuhen und Prada-Hemd ist einer von 200 Millionen "Nach-1980ern" in China, einer Generation vorwiegend von Einzelkindern, geboren auf dem Höhepunkt eine ungeahnten Wirtschaftsbooms.

Modern, modebewusst, apolitisch

Die jungen Leute zwischen 20 und 30 sind im Internet zu Hause, modern, modebewusst - und überwiegend apolitisch. Xiaoguang hat keinen rechten Schimmer, für welche Reformen die Studenten auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking demonstrierten. "Hatte das was mit den Konflikten zwischen Kapitalismus und Sozialismus zu tun?", fragt er. Woher soll er es auch wissen. Das Thema ist tabu. Die Demonstrationen gelten als "konterrevolutionärer Aufstand" und werden selten öffentlich erwähnt. Schulbücher gehen darauf nur am Rande ein - wenn überhaupt.

Nur wenige junge Leute sind sich bewusst, dass vor 20 Jahren Millionen Studenten, Arbeiter, ganz normale Bürger in Peking und anderen Städten wochenlang friedlich auf die Straße gingen und demokratische Reformen und ein Ende der Korruption forderten. Sie erfahren nichts darüber, wie der Protest brutal niedergewalzt wurde und Hunderte, vielleicht Tausende ums Leben kamen. Heute zieht die chinesische Führung das rasante Wirtschaftswachstum und die Stabilität seit Anfang der 1990er-Jahre als Beweis dafür heran, dass es richtig war, die Demonstrationen zu ersticken. Tatsächlich sind junge Chinesen heute finanziell besser dran denn je: Das jährliche Pro-Kopf-Einkommen ist von 380 Yuan Renminbi (umgerechnet rund 40 Euro) 1978 auf und 19.000 Yuan (rund 2.000 Euro) 2007 gestiegen. Doch auf der anderen Seite spielen die Jungen heute kaum eine Rolle dabei, die Zukunft ihres Landes zu gestalten - und haben vielleicht auch gar kein großes Interesse daran.

75 Prozent wollen in die Partei eintreten

Laut einer kürzlich veröffentlichten offiziellen Umfrage wollen 75 Prozent der College-Studenten in die Kommunistische Partei eintreten - 56 Prozent davon allerdings, weil sie sich dann bessere Chancen auf eine gute Stelle ausrechnen. Aus Überzeugung hoffen nur 15 Prozent auf ein Parteibuch. Der Kommentar dazu beklagte die politische Gleichgültigkeit und den "extremen Egoismus" der Jugend von heute. Selbst hinter verschlossenen Türen lassen sich nur wenige auf politische Diskussionen ein - aus gutem Grund. So existierte für kurze Zeit eine "Studiengruppe Neue Jugend", in der junge Berufstätige aus Peking in privatem Rahmen über Reformen debattierten und Beiträge online stellten mit Titeln wie "Chinas Demokratie ist eine Fälschung". Vier Mitglieder wurden 2003 wegen Subversion zu acht bis zehn Jahren Haft verurteilt.

Oberflächlich oder klug

Angesichts des Risikos für Dissidenten ist es schwer zu sagen, ob Leute wie der Underground-Musiker Li Yan alias Lucifer oberflächlich sind oder klug, wenn sie Tiananmen mit einem Achselzucken abtun. Er ist im Mai 1989 geboren, studiert darstellende Kunst in Peking und kultiviert sein Rebellen-Image. "Junge Leute wie wir haben es einfach mehr mit populärer Unterhaltung... Nur ganz wenige machen sich was aus dem anderen Kram", sagt er. Veteranen der Reformbewegung beklagen die Apathie. "Diese Generation ist völlig anders", erklärt der Autor Wu Xu, der selbst an den Tiananmen-Demonstrationen teilnahm. Er vermutet, dass die Jungen mehr wissen, als sie zugeben, und dass sie zwar stolz auf ihr Land, aber höchst kritisch der Regierung gegenüber sind.

Xiaoguang, geboren am 4. Juni, plappert regierungsamtliche Amerika-kritische Parolen nach, mokiert sich aber zugleich über Kommilitonen, die in die Partei eintreten wollen. Als sein Vater vom Tag seiner Geburt erzählt, fällt ein Schatten über sein sonst so fröhliches Gesicht. Seit einem Schlaganfall behindert, berichtet Feng mühsam, wie er am Abend des 3. Juni 1989 seine Frau ins Krankenhaus brachte und dann zu den anderen eilte, die sich in Kaifeng aus Solidarität mit den Demonstranten in Peking versammelt hatten. Aus dieser Erfahrung heraus wählte er den Namen seines Sohnes, der Morgendämmerung bedeutet. "Sein Name hat große Bedeutung. Ich hatte gerade die Verheißungen und Chancen Chinas heraufdämmern sehen." (Von Alexa Olesen/AP)

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