Das Immunsystem scharfmachen

2. Juni 2009, 20:09
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Innsbrucker Forscher erzielen beachtliche Erfolge mit dendritischen Zellen gegen Tumore

Impfungen sind in der Regel prophylaktisch: Ein im Labor abgeschwächtes, nicht krankmachendes Virus wird gespritzt, damit das Immunsystem entsprechende Abwehrzellen aufbauen kann, um im Fall einer Infektion rasch und zielgerichtet gegen den Erreger reagieren zu können. Außerhalb dieser Regel verwenden Forscher Zellen des Immunsystems selbst, um zu impfen. Und zwar gegen körpereigene Zellen - gegen Krebszellen. Nicht prophylaktisch, sondern therapeutisch. Noch dazu mit Erfolg.

Dermatologe Nikolaus Romani und Urologe Martin Thurnher von den Innsbrucker Universitätskliniken bedienen sich dazu der Wächterzellen des Immunsystems, der dendritischen Zellen. Sie patrouillieren dort, wo Körperfremdes und potenziell Gefährliches auftauchen kann, Viren etwa - oder auch Tumorzellen. Wenn sie etwas als fremd erkennen, als "Antigen", binden sie es an sich und transportieren es zu anderen Zellen des Immunsystems, die es zerstören.

So verwandeln dendritische Zellen Warnsignale - das sind Entzündungsprozesse - in zielgerichtete Immunreaktionen.

Krebszellen tragen wie Viren und Bakterien spezifische Antigene an ihrer Oberfläche, die sie von gesunden Zellen unterscheiden. Also lag es auf der Hand, dendritische Zellen aus dem Blut von Patienten zu entnehmen, sie zu züchten und zu vermehren, mit geeigneten Tumor-Antigenen zu beladen und die gezielt veränderten Wächterzellen in den Körper zurückzugeben. Derart machen sie andere Immunzellen scharf: Sie entwickeln sich zu sogenannten Killerzellen, die in den Kampf gegen den Tumor geschickt werden.

"Das Prinzip funktioniert tatsächlich", erklärt Martin Thurnher dem Standard. Mehr noch: "Unsere bisherigen klinischen Studien haben gezeigt, dass diese Therapieform effizienter ist als herkömmliche Chemotherapien und noch dazu wesentlich besser vertragen wird." Ein Durchbruch? "Nein, noch nicht", bedauert Thurnher: "Die Therapie ist noch nicht zugelassen und befindet sich daher noch im experimentellen Stadium." Thurnher, der bereits 1997 die österreichweit erste klinische Erprobung von dendritischen Zellen in Innsbruck durchgeführt hat, und sein Kollege Romani haben die Therapie inzwischen zwar an mehreren hundert Krebspatienten erfolgreich getestet, doch für eine Zulassung durch die Arzneimittelbehörden brauche es einige tausend Patienten. Und da die Pharmaindustrie, die für derartige Studien über das nötige Geld verfüge, noch kaum Interesse daran habe, werde es wohl noch dauern.

Daher haben Thurnher und Romani ihre diesbezüglichen Forschungen nun im Rahmen des Förderprogramms Kompetenzzentrum Medizin (KMT) der Cemit gebündelt und in die Forschungsplattform "Onkotyrol" eingebracht, die mit internationalen Institutionen zusammenarbeitet (siehe Wissen).

Um aber überhaupt so weit zu gelangen, mussten die beiden Forscher einige Probleme lösen. Zunächst galt es, die im Blut von Patienten relativ raren Zellen überhaupt kultivieren zu können. Hier gelang Romani ein Erfolg: Mit speziellen Wachstumsfaktoren können die dendritischen Zellen außerhalb des Körpers kultiviert und für den klinischen Einsatz vermehrt werden. Und Thurnher gelang es, die Zellen auf Tumoren zu fixieren: Zwar besitzen Krebszellen Antigene auf ihrer Oberfläche, da es sich aber um körpereigenes Gewebe handelt, bleiben die Warnsignale aus, die den Immunprozess antreiben. Im Reagenzglas führt Thurnher daher Krebszellen, dendritische Zellen und Entzündungsauslöser zusammen, die eine derartige Signalkette auslösen, wodurch dendritische Zellen quasi scharfgemacht werden gegen den Krebs - dann werden die Zellen den Patienten in die Lymphknoten gespritzt. Bisher bei Patienten mit Nieren- und Hautkrebs. (Andreas Feiertag, DER STANDARD/Printausgabe 3.6.2009)

  • Behandlung mit dendritischen Zellen ist effizienter als die Chemo-therapie, sagen Wissenschafter aus Tirol.
    foto: cemit

    Behandlung mit dendritischen Zellen ist effizienter als die Chemo-therapie, sagen Wissenschafter aus Tirol.

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