Mehrsprachigkeit als Herausforderung

2. Juni 2009, 19:39
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Vera Ahamer befragt jugendliche Migranten in Dolmetscherrolle

äglich dolmetschen Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund für ihre Eltern: im Amt, beim Arzt, am Elternsprechtag. Weitgehend unbedankt meistern sie eine schwierige Aufgabe, die Hierarchien zwischen Eltern und Kindern mitunter auf den Kopf stellt und bei Überforderung durch Fachvokabular gravierende Folgen haben kann. Vera Sophie Ahamer interessiert, "wie die Jugendlichen das erleben. Die Voraussetzung für ihre Tätigkeit ist Mehrsprachigkeit, und die wird in Österreich oft als Defizit gesehen". Für ihr Dissertationsthema erhielt die 31-jährige Vorarlbergerin vom Zentrum für Translationswissenschaften der Uni Wien den Preis für Migrationsforschung 2008 der Akademie der Wissenschaften.

Die eigene Mehrsprachigkeit verschafft ihr in den laufenden Gesprächen mit 40 Jugendlichen in Feldkirch und Wien Glaubwürdigkeit und erleichtert die Kontaktaufnahme für wissenschaftliche Zwecke. Befragungen und Gruppengespräche ergänzt sie mit Interviews von Eltern und Lehrenden. Viele der jungen Befragten sind sehr sprachbewusst und reflektiert. Sie denken darüber nach, warum ihre Muttersprache weniger Prestige hat. Außerdem ist die Dolmetsch-tätigkeit natürlich auch eine Quelle des Stolzes. "Wenn man Integration ernst nimmt, braucht es Zweiwegkommunikation. Um Kinder und Jugendlichen zu entlasten, bräuchte es in Österreich mehr mehrsprachiges Personal, Formulare in vielen Sprachen und Dolmetschpools in den Migrantensprachen", analysiert die Forscherin. Ihre Dissertation soll Ende 2009 fertig sein und "nicht im Regal verstauben".

Die Weichen für die Inskription von Geschichte, Romanistik und später Dolmetsch (Deutsch, Ungarisch, Französisch) wurden im Elternhaus gestellt. "Meine Mutter hat mir in Feldkirch Ungarisch beigebracht entgegen allen Bedingungen, denen eine Minderheitssprache ausgesetzt ist, und auch Austrofaschismus und NS-Zeit wurden nicht totgeschwiegen", berichtet sie. Als Fundament, um im Ausland zu arbeiten, schloss Vera Ahamer den Lehrgang für "Deutsch als Fremdsprache" (DaF) ab und arbeitet seit 2008 als Lektorin an der Diplomatischen Akademie in Wien. In Projekten des Demokratiezentrums Wien oder der Historikerkommission zur Aufarbeitung der jüngeren Geschichte von Creditanstalt, Länderbank und Zentralsparkasse hat sie ihre Sprach- und Recherchekenntnisse bereits eingebracht.

Das Wiener Institut für Germanistik fördert den DaF-Austausch weltweit, und Vera Ahamer war sechs Monate lang Praktikantin an der Kasachischen WeltsprachenUniversität in Almaty. Einen Sommerkurs zu Österreichischer Landeskunde hielt sie an der Usbekischen Weltsprachen-Universität in Taschkent. Die Idee ist "dass künftige Lehrende eine Erfahrung von Fremdheit machen, bevor sie Deutsch als Fremdsprache unterrichten". Bei ihr hat der Ansatz nur bedingt gefruchtet, "weil meine Neugier verhindert, dass ich mich irgendwo fremd fühle". Die Doppelgleisigkeit von Zeitgeschichte und Sprachen möchte sie weiter pflegen und sich vorläufig nicht festlegen: "Mein Leben spielt sich zwischen mehreren Sprachen, Fachgebieten, Milieus und Orten ab." (Astrid Kuffner, DER STANDARD/Printausgabe 3.6.2009)

  • Vera Ahamer erhielt den Preis für Migrationsforschung der Akademie.
    foto: ªükrü ªiºmanlar

    Vera Ahamer erhielt den Preis für Migrationsforschung der Akademie.

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