Zu wenig kluge Köpfe für Österreichs Forschung

2. Juni 2009, 20:13
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Bildungsdefizite und weniger Risikobereitschaft in Krisenzeiten

Österreichs Forschungslandschaft hat ein gravierendes Bildungsproblem. Zu diesem Schluss kommt nicht nur die kürzlich präsentierte Systemevaluierung, sondern auch der nun vorliegende Forschungs- und Technologiebericht 2009. Mehrere Indikatoren weisen darauf nicht zum ersten Mal hin: Laut dem aktuellen European Innovation Scoreboard 2008 schneidet Österreich im Bereich der Humanressourcen unterdurchschnittlich ab, vor allem bei den technisch-naturwissenschaftlichen Studienabgängern. Der Bericht betont aber nicht nur den Mangel an Absolventen, sondern warnt auch vor einer möglichen Verschärfung in naher Zukunft. Wissen veraltet schnell, die dafür notwendige technologische Kompetenz macht es nötig, "das Humankapital einer Gesellschaft ständig zu erweitern." Fehler aus der Vergangenheit wird man allerdings nur langfristig beheben können, weil "die Reaktionszeiten einer Umsteuerung im Qualifikationssystem sehr lang sind".

Das dürfte ganz besonders für die Qualifikationsstruktur der Migranten gelten. Hier scheint vieles laut Technologiebericht im Argen zu liegen: Obwohl der Anteil der ausländischen Studierenden in Österreich relativ hoch ist (11,5 Prozent), ist der Anteil der im Ausland geborenen Akademiker sehr gering (11,3 Prozent). Im OECD-Vergleich ist das sogar der schlechteste Wert. Besonders auffallend dabei: Rund die Hälfte der ausländischen Akademiker arbeitet in Jobs, die unter ihrem Qualifikationsniveau liegen. Bei Inländern liegt dieser Anteil deutlich darunter (29 Prozent).

Der Forschungs- und Technologiebericht 2009 ist im Auftrag von Wissenschafts-, Wirtschafts- und Verkehrsministeriums von Joanneum Research erstellt worden - in Kooperation mit dem Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) und den Austrian Research Centers (ab 15. 6. Austrian Institute of Technology). Studienautor Andreas Schibany hebt ein Ergebnis hervor, das den aktuellen Bericht deutlich vom letztjährigen unterscheidet: Die Unternehmen sind nicht mehr treibende Kraft für wachsende Ausgaben in Forschung und Entwicklung, was einen logischen Grund hat: die Wirtschaftskrise. Seit Herbst 2008 werden die Ausgaben heruntergefahren, was, so Schibany, den Schluss zulasse, dass die Investitionen in F&E parallel zur Konjunktur verlaufen, die Risikobereitschaft sinkt. Geht es der Wirtschaft gut, dann geht es der Forschung gut - und umgekehrt.

Das Ausmaß des Investitionsrückgangs sei aus heutiger Sicht nicht absehbar, heißt es im Bericht weiter. Grund: Die F&E-Ausgaben seien "stark auf einige wenige Großunternehmen konzentriert". Auch der Rückgang ausländischer Investitionen - Österreich ist F&E-Standort einiger internationaler Unternehmen - sei "nur ungenügend abschätzbar". Schibany vermutet, dass die Ausgaben hier als Reaktion auf einen angenommenen Zwei-Prozent-Einbruch des Bruttoinlandsprodukts (BIP) überproportional um drei bis fünf Prozent sinken werden.

Der Staat hat damit eine Leader-Position bei Investitionen in F&E übernommen: Die Ausgaben der öffentlichen Hand stiegen um neun Prozent gegenüber dem Vorjahr. Damit wird der angestrebte und versprochene Wachstumspfad zwar verlassen, was ja schon seit Finanzminister Josef Prölls Budgetrede auf der Hand liegt, die gesamten F&E-Ausgaben in Österreich wachsen dennoch um 1,8 Prozent gegenüber 2008. Der Forschungs- und Technologiebericht 2009 sieht somit auch - aufgrund der Rahmenbedingungen - das einst für 2010 angestrebte Drei-Prozent-Ziel außer Reichweite. (Peter Illetschko, DER STANDARD/Printausgabe 3.6.2009)

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