"Wir verstehen das Universum eigentlich nicht"

2. Juni 2009, 19:53
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Riesenteleskope erhöhen die Chance, Leben im All zu finden und jenes auf der Erde zu verstehen, sagt Laurent Vigroux, Präsident des Rats der Europäischen Südsternwarte Eso, der derzeit in Wien tagt

Standard: Geld ist knapp, und große Forschungsprojekte werden zunehmend hinterfragt. Wie überzeugen Sie Menschen von der Wichtigkeit kostspieliger Teleskope?

Vigroux: Erstens ist Astronomie im Augenblick eine der spannendsten Wissenschaften. Es gibt große Fortschritte und jedes Mal, wenn wir Fortschritte machen, wird klar: Wir verstehen das Universum eigentlich nicht. Es wird bestimmt von dunkler Energie und dunkler Materie - und wir wissen nahezu nichts darüber. Das muss sich ändern. Der zweite Grund ist die Erforschung von Exoplaneten, also Planeten außerhalb unseres Sonnensystems. Wir kennen zur Zeit mehr als 200 Exoplaneten und fast jeden Tag wird ein neuer entdeckt. Keiner von ihnen ist wie die Erde, aber wir sind nahe dran. Das ELT ist einer der Schlüssel, um erdähnliche Planeten zu finden.

Standard: Es gibt derzeit einen Wettlauf im Bau von immer größeren und besseren Teleskopen sowohl auf der Erde als auch im All. Kommt es da nicht zu Überschneidungen bei der Forschungsarbeit?

Vigroux:Die Projekte überschneiden sich nicht, sie ergänzen sich. Die größten Fortschritte der letzten Jahre - das Auffinden weit entfernter Galaxien etwa - sind Weltraumteleskopen zu verdanken, aber das Studium dieser Galaxien war nur durch sehr große Bodenteleskope möglich. Im Weltraum kann man nur kleine Teleskope verwenden, die den Vorteil haben, dass sie nicht durch die Atmosphäre gestört werden und eine hohe Bildqualität haben, dafür können sie aber keine Detailanalysen liefern. Auch bei den verschiedenen Bodenteleskopen wird der Fokus auf unterschiedliche wissenschaftliche Fragen gelegt.

Standard: Was haben die Menschen davon, unerreichbar weit entfernte Galaxien zu beobachten?

Vigroux: Natürlich ist es experimentelle Wissenschaft, die wir betreiben. Die Menschheit macht Forschritte, indem sie das Wissen über fundamentale Vorgänge wie über die Entstehung von Galaxien vergrößert. Die simplere Antwort ist aber: Weil wir aus Atomen gemacht sind, und dass sich die Atome überhaupt in unserem Universum befinden, liegt an unserer Galaxie und den Sternen. Alle Elemente auf der Erde sind auch in den Sternen vorhanden. Damit Atome wie Kohlenstoff, Stickstoff und Sauerstoff entstehen, die menschliches Leben wie auf der Erde ermöglichen, müssen die Elemente in den Sternen recycelt und über Generationen verändert werden. Noch wissen wir nicht alles über diese Kräfte, die hier wirken.

Standard: Glauben Sie persönlich daran, dass es irgendwo erdähnliches Leben im All gibt?

Vigroux: Ich bezweifle, dass ich das noch erleben werde. Wir sind noch weit davon entfernt, erdähnliche Planeten zu finden. Aber wenn man mir vor zehn Jahren die Frage gestellt hätte, wie hoch die Chance ist, Planeten außerhalb unseres Sonnensystems zu finden, wäre die Antwort gewesen: Es ist höchstwahrscheinlich, aber es wird noch sehr lang dauern. Wenn ich mir den Fortschritt der letzten zehn Jahre ansehe - es ist erstaunlich! Also: Wer weiß?

Standard: Österreich ist das jüngste Mitglied der Eso. Was kann es als relativ kleines Land zur Organisation beitragen?

Vigroux: So klein ist Österreich nicht. In Relation zur Bevölkerung ist die Astronomen-Community recht groß und fachlich auf einem sehr hohen Level. Österreich ist schließlich Mitglied der europäischen Weltraumbehörde Esa und arbeitet an einigen Programmen wie am Weltraumteleskop Herschel mit. Es wäre also seltsam, wenn österreichische Astronomen nicht auch Zugang zu den Bodenoberservatorien der Eso hätte.

Standard: Wie schnell wird die Organisation weiter wachsen?

Vigroux: Unser Ziel ist, langfristig so viele kleine europäische Staaten wie möglich miteinzubeziehen. Bis 2010 oder 2011 könnten weitere Länder beitreten. Es gibt schon Verhandlungen, die aber noch in einem Anfangsstadium sind. Wir müssen uns für große Projekte zusammenschließen.

Standard: Das nächste große Projekt der Eso ist neben dem Radioteleskopverbund Alma der Bau des Riesenteleskops ELT. Wird die Finanzkrise einen Einfluss auf die Roadmap haben?

Vigroux: Das hängt von den einzelnen Staaten ab. Einige investieren mehr in Hightech, andere wollen unmittelbar handeln und investieren eher in den Straßenbau. So weit ich es beurteilen kann, hat die Krise aber keinen wesentlichen Einfluss auf die Entscheidung, dass das ELT gebaut wird. Bis Ende des Jahres soll die Finanzierung geklärt werden.

Standard: Die Mitgliedsbeiträge allein werden für die Kosten von knapp einer Milliarde Euro nicht reichen. Wird eine Finanzierung ohne außereuropäische Partner möglich sein?

Vigroux: Wir suchen nach Projektpartnern, darüber gibt es eine laufende Debatte. Mindestens zwei Drittel sollen aber aus europäischen Staaten kommen.

Standard: 2009 ist das Internationale Jahr der Astronomie. Was kann es bewirken?

Vigroux: Es gibt weltweit Veranstaltungen, sehr viele finden in Schulen statt. Das ist sehr wichtig, weil ich glaube, dass Astronomie ein guter Weg ist, um Kinder sehr früh auf den Geschmack von Wissenschaften zu bringen. Astronomie hat immer schon eine besondere Faszination auf Kinder gehabt. (Karin Krichmayr, DER STANDARD/Printausgabe 3.6.2009)

 

ZUR PERSON:

Der Astrophysiker Laurent Vigroux ist seit 2005 Leiter des L'Institute d'Astrophysique de Paris und seit diesem Jahr Präsident des Eso Councils.

Alma (Atacama Large Millimeter Array), ein aus 66 Antennen bestehendes Teleskop, das in den chilenischen Anden gebaut wird, hat bereits erste Tests hinter sich. Ab 2011 soll es das kalte Universum erkunden.

Wissen

Europäische Südsternwarte

  • Fast jeden Tag wird ein neuer Exoplanet entdeckt. Keiner ist wie die
Erde, aber wir sind nahe dran. Das Teleskop ELT ist ein Schlüssel dazu.
    bild:eso / h. zodet

    Fast jeden Tag wird ein neuer Exoplanet entdeckt. Keiner ist wie die Erde, aber wir sind nahe dran. Das Teleskop ELT ist ein Schlüssel dazu.

  • Laurent Vigroux steht dem Eso-Rat vor.
    foto: cnes

    Laurent Vigroux steht dem Eso-Rat vor.

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