Doppelmord nach der Sperrstunde

2. Juni 2009, 17:54
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Nach tödlichen Schüssen auf ein Wirtsehepaar bei einem Heurigen ist die Polizei noch immer bezüglich des Motivs unsicher

Pachfurth - "In der kommenden Woche hätte der Kardinal Schönborn da Mittagessen sollen, ist im Pfarrblatt gestanden" , erzählt der dickliche Pensionist im Lacoste-Leibchen. Und deutet die kleine Gasse mitten in Pachfurth entlang zu den Gebäuden, die durch das rotweiße Absperrband der Polizei als Tatort erkennbar sind. Die Heurigenschenke der Familie T. wäre das Ziel des Kardinals während dessen Visitation im niederösterreichisch-burgenländischen Grenzgebiet gewesen. Der Termin ist obsolet - ein Unbekannter hat das Wirts-Ehepaar Montagnacht in ihrem Betrieb erschossen und deren Tochter schwer verletzt.

Rund 120 Plätze in Haus und Gastgarten hat der Heurige. Das Geschäft scheint gut gelaufen zu sein am langen Wochenende. "Die ganze Straße war vollgeparkt, bis weit hinunter" , schildert der Lacoste-Träger, der ungenannt bleiben möchte. Gegen 21 Uhr ging nach den Ermittlungen der Polizei der letzte Gast, zu Auseinandersetzungen soll es an diesem Abend nicht gekommen sein.

Zwei Stunde später hören Tamara T. und ihr Freund, die in der Wohnung im ersten Stock des Gasthauses sind, Geräusche aus dem Erdgeschoss - und Schreie der Mutter. Vorsichtig schauen sie von der Treppe hinab, die Tochter entdeckt den Täter. "Sie sagt, sie hat diesen Mann noch nie gesehen und kann ihn nur grob beschreiben. Etwa 1,85 Meter groß, dunkle Haare, vielleicht ein Ausländer, aber dafür gibt es eigentlich keine Hinweise" , sagt Ernst Schuch, stellvertretender Leiter des niederösterreichischen Landeskriminalamtes.

Verdächtiger weißer Peugeot

Auch der Unbekannte sieht die Tochter und verletzt sie mit einem Schuss in den Rücken schwer, ehe er flüchtet. Tamaras Freund ist der Einzige, der unverletzt bleibt - von oben sieht er einen weißen Peugeot 205 wegfahren, der schon einige Zeit schräg vis-à-vis des Hauses geparkt hat.

Die alarmierte Polizei findet im Erdgeschoss zwei Tote. Die 49-jährige Wirtin Monika T. wurde mit einem Schuss aus der Pistole getötet, ihr 50-jähriger Mann Christoph T. wurde viermal von vorn und seitlich getroffen. "Anhand der Verletzungen und der Fundorte der Leichen können wir nicht feststellen, wie der Täter in das Haus gekommen ist" , sagt Schuch. Die Haustür sei schon verschlossen gewesen, aber natürlich könnte noch einmal aufgesperrt worden sein.

Franz Wieger, der direkte Nachbar, ist überzeugt, den Tathergang zu kennen. "Der muss von hinten über den Garten gekommen sein, die Terrassentür war sicher offen. Die Monika wird abgewaschen haben" , mutmaßt er, umringt von Journalisten. Über den Toten, der als Buschauffeur am Flughafen Wien-Schwechat gearbeitet und zwei Weingärten in Niederösterreich und dem Burgenland hatte, spricht er nur das Beste.

Ein schlüssiges Motiv für die Morde kann er sich nicht vorstellen. Ebenso wenig wie die Kriminalisten. "Es kann alles sein, vom Raub über eine Beziehungstat bis hin zu einem wütenden Ex-Angestellten" , sagt Schuch. Die Indizien würden nach derzeitigem Ermittlungsstand am ehesten für einen Raubmord sprechen - wie sich am Dienstagnachmittag herausstellte, fehlte zumindest die Tageslosung des Pfingstmontag.

Natürlich konnten Gäste oder Passanten aus dem guten Geschäftsgang auf lohnende und leichte Beute geschlossen haben.

Eher keine Bande

An eine Bande glaubt er eher nicht:"Es gab jedenfalls in der jüngeren Vergangenheit in diesem Gebiet keine bewaffneten Raubüberfälle."

Schuchs Hoffnung ruht nun vor allem auf dem weißen Peugeot. "Wir sichern natürlich die Spuren am Tatort. Da es ein Gasthaus ist kann es unter Umständen aber schwierig werden." (Michael Möseneder, DER STANDARD - Printausgabe, 3. Juni 2009)

  • Das lange Wochenende brachte den Besitzern der Heurigenschenke in
Pachfurth ein gutes Geschäft. Die Tageslosung vom Pfingstmontag ist
verschwunden - ein mögliches Motiv für den Doppelmord.
    foto: standard/christian fischer

    Das lange Wochenende brachte den Besitzern der Heurigenschenke in Pachfurth ein gutes Geschäft. Die Tageslosung vom Pfingstmontag ist verschwunden - ein mögliches Motiv für den Doppelmord.

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